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28.04.2017

Gefühlsblinde Kiffer?

Manche Menschen haben keinen Zugang zu ihren Gefühlen. Eine Studie aus Frankreich hat zeigen können, dass ihr Anteil höher ist unter Personen mit problematischem Cannabiskonsum.

Mann steckt mit ausdrucksloser Mine Finger in die Nase

Bild: ay caramba / photocase.de

Freude, Trauer oder Wut - Gefühle gehören zu unserem Leben dazu. Mal ist es eher eine Ahnung, mal spüren wir unser inneres Befinden ganz deutlich. Doch für etwa zehn Prozent der Bevölkerung bleibt das innere Erleben mehr oder weniger verschlossen. Sie haben kaum Zugang zu ihren Gefühlen oder können diese nicht in Worte ausdrücken. In der Medizin gibt es dafür den Begriff Alexithymie oder Gefühlsblindheit. Es ist keine Krankheit, sondern gilt als Persönlichkeitsmerkmal.

Unter Patientinnen und Patienten mit psychiatrischen Erkrankungen gibt es einen höheren Anteil an Personen mit Alexithymie als in der übrigen Bevölkerung. Auch wurde beobachtet, dass unter Drogenabhängigen der Anteil Betroffener höher ist. Ein französisches Forschungsteam hat nun untersucht, ob es zwischen dem problematischem Cannabiskonsum und Alexithymie einen Zusammenhang gibt.

Dazu wurde eine so genannte Fall-Kontroll-Studie durchgeführt. 120 junge Patientinnen und Patienten mit abhängigem oder missbräuchlichem Cannabiskonsum wurden mit 110 gesunden Personen einer Kontrollgruppe verglichen. Beide Gruppen waren im Schnitt etwa 18 Jahre alt. Mit Hilfe spezieller Fragebögen wurde ermittelt, ob bei einer Person Alexithymie vorliegt oder nicht. So deutet beispielsweise die Zustimmung zu Aussagen wie „Es ist schwer für mich, die richtigen Worte für meine Gefühle zu finden“ oder „Wenn jemand bitterlich weint, berührt mich das nicht“ auf Alexithymie hin.

Doppelt so viele Personen mit Alexithymie

Die Ergebnisse der Befragung weisen tatsächlich auf einen höheren Anteil von Personen mit Alexithymie unter den Cannabiskonsumierenden hin. Ihr Anteil war mit 35 Prozent etwa doppelt so hoch wie in der Kontrollgruppe, in der immerhin 18 Prozent als gefühlsblind eingestuft wurden.

Die Studie kann allerdings keine Aussagen dazu machen, warum Personen mit Alexithymie stärker von problematischem Cannabiskonsum betroffen sind. Eine Vermutung des Forschungsteams lautet: Jugendliche mit Alexithymie erleben mehr Stress, weil sie aufgrund ihrer mangelnden Gefühlswelt öfter Probleme im Umgang mit anderen Menschen bekommen. Das Kiffen dient dann gewissermaßen zum Stressabbau.

Alexithymie bedeutet jedoch nicht in jedem Falle, überhaupt keine Gefühle zu haben. So betont das Forschungsteam, dass die Ausprägung der Gefühlsblindheit unterschiedlich stark sein kann. Daher sollte bei Betroffenen das Augenmerk in der Behandlung darauf gelegt werden, die Fähigkeit zur Wahrnehmung der eigenen Gefühle zu stärken.


Quelle:
Dorard, G., Bungener, C., Phan, O., Edel, Y., Corcos, M. & Berthoz, S. (2017). Is alexithymia related to cannabis use disorder? Results from a case-control study in outpatient adolescent cannabis abusers. Journal of Psychosomatic Research, 95, 74-80.

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