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Cannabis dominiert europäischen Drogenmarkt

Juni 2016

Es geht um Geld. Viel Geld. In der Europäischen Union geben die Konsumentinnen und Konsumenten geschätzte 24 Milliarden Euro pro Jahr für illegale Drogen aus. Die Europäische Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht hat einen Bericht über den Drogenmarkt in Europa veröffentlicht und darin erstmals Schätzungen zum Marktwert einzelner Drogen abgegeben.

Indoor-Cannabisanbau

Bild: Eric Limon / Fotolia.com

Der Handel mit Drogen gehört zu den ertragreichsten Betätigungsfeldern der organisierten Kriminalität. Geschätzt wird, dass ein Fünftel der weltweiten Gewinne aus Straftaten mit Drogenhandel erzielt werden. In ihrem Bericht zum Drogenmarkt gibt die Europäische Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht (EBDD) Einblick in ein weltumspannendes gigantisches Geschäft, das weitreichende Auswirkungen auf die Gesellschaft habe.

Marihuana verdrängt Haschisch

Den größten Anteil am Endverbrauchermarkt hat Cannabis. Jährlich geben Cannabiskonsumierende etwa 9,3 Milliarden Euro für Haschisch oder Marihuana aus. Cannabisprodukte haben somit einen Anteil von 38 Prozent am Gesamtwert aller in der Europäischen Union verkauften illegalen Drogen.

In der Gesellschaft sei das Bild, das die Menschen vom Cannabismarkt haben, nach Einschätzung der EBDD oft noch durch die Hippiebewegung der 1960er Jahre geprägt. Die Realität würde aber im scharfen Gegensatz dazu stehen, denn der Cannabishandel sei eine von Gewalt und anderen Formen der Kriminalität geprägte Branche. Dahinter stehen verschiedene Gruppierungen der organisierten Kriminalität.

Die EBDD bemerkt, dass es in den letzten 10 Jahren eine Verschiebung auf dem Cannabismarkt gegeben habe: Während sich die Kiffer früher meist marokkanischen Haschisch in ihren Joint gebröselt haben, dominiert heute immer mehr Marihuana den europäischen Markt, das innerhalb der EU produziert wird. Die Bandbreite der Produktionsstätten reicht von kleinen Heimanlagen für den Eigenbedarf bis hin zu professionellen Cannabisplantagen, die überwiegend in geschlossenen Räumen oder Kellern zu finden sind.

Hohe Nachfrage nach hochpotentem Cannabis

Mit Hilfe ausgeklügelter Anbaumethoden sei es den Drogenproduzenten gelungen, den Wirkstoffgehalt von Marihuana um ein Vielfaches zu steigern. Nach Einschätzung der EBDD wird diese Entwicklung angetrieben durch eine hohe Nachfrage nach hochpotentem Cannabis. Offenbar würden Cannabiskonsumierende einen hohen Wirkstoffgehalt mit einer höheren Qualität gleichsetzen.

Die EBDD weist jedoch auf die erhöhten gesundheitlichen Risiken von hochpotentem Cannabis hin. Dieser hat nicht nur einen besonders hohen Anteil an THC, sondern enthält auch wenig bis gar kein Cannabidiol (CBD). CBD hat keine psychoaktive Wirkung, kann aber den Rausch, der durch THC erzeugt wird, abmildern. CBD wird dadurch eine gewisse Schutzfunktion gegen psychotische Effekte zugesprochen. Fehlt CBD, fehlt auch dessen schützende Wirkung, was mit einem erhöhten Psychose-Risiko verbunden ist.

Opioide für die meisten Todesfälle verantwortlich

Der Markt für Heroin und andere Opioide ist mit einem geschätzten Volumen von rund 6,8 Milliarden Euro jährlich zwar kleiner als der für Cannabis, verursacht aber einen großen Teil der drogenbedingten Schäden. Damit gemeint sind Todesfälle durch Überdosierungen, Infektionskrankheiten infolge des Konsums sowie Therapie- und Strafjustizkosten.

Insgesamt sei die Nachfrage nach Opioiden in den letzten zehn Jahren zwar zurückgegangen. In der letzten Zeit war jedoch ein Anstieg an Todesfällen durch Überdosierungen zu beobachten, was nach Ansicht der EBDD auf eine zunehmende Beschaffbarkeit von Heroin in Europa hindeutet. So war 2015 in Deutschland ein Plus von 15 Prozent bei den erstauffälligen Konsumentinnen und Konsumenten von Heroin zu verzeichnen und ein weiterer Anstieg bei der Zahl der Drogentoten.

Das in der EU konsumierte Heroin wird meist aus Opium hergestellt, das überwiegend in Afghanistan angebaut wird. Große Mengen an sichergestelltem Morphin in Iran und Pakistan weisen zudem darauf hin, dass eine gewisse Menge Heroin auch außerhalb von Afghanistan hergestellt wird. Morphin wird sowohl zur Produktion von Heroin genutzt als auch für opioidhaltige Arzneimittel.

Kokain auf Platz 3

Kokain ist das am häufigsten konsumierte Stimulanzium in Europa. Der Marktwert von Kokain wird von der EBDD auf 5,7 Milliarden Euro geschätzt. Am häufigsten wird Kokain als Hydrochlorid-Salz in Form von Pulver konsumiert, seltener in seiner rauchbaren Form als Crack. Aus Sicht der EBDD ist die Nachfrage nach Kokain auf etwa gleichbleibendem oder sogar rückläufigem Niveau.

Der Anbau von Kokasträuchern beschränkt sich fast ausschließlich auf Kolumbien, Peru und Bolivien. Wie viel dort hergestellt wird, sei unklar. Schätzungen zufolge werden jährlich etwa 700 Tonnen reines Kokain produziert. Allerdings würde dieser Wert wohl den wahren Produktionsumfang noch unterschätzen, da die sichergestellte Menge im Jahr 2013 bereits bei 687 Tonnen lag. Kokain wird sowohl über den Luftweg als auch auf Schiffen nach Europa transportiert. 2013 wurden rund 75 Prozent der sichergestellten Menge an Kokain in Schiffscontainern gefunden.

Die EBDD weist auf die beträchtlichen Umweltschäden hin, die ein zunehmendes Problem der Kokainherstellung sei. Neue Anbauflächen für Kokapflanzen würden häufig durch Brandrodungen geschaffen. Dadurch werde nicht nur die Artenvielfalt in den tropischen Regenwäldern gefährdet, sondern auch die Bodenerosion gefördert, da alle Pflanzen in Bodennähe zerstört werden. Und um den Ertrag zu erhöhen werden vermutlich unkontrolliert große Mengen an chemischen Düngemitteln sowie Herbiziden und Pestiziden eingesetzt. Darüber hinaus fallen giftige Abfallstoffe bei der Herstellung von Kokain an, die unkontrolliert entsorgt werden. Es wird davon ausgegangen, dass jährlich Millionen von Tonnen giftiger Abfälle bei der Kokainherstellung entstehen und die Umwelt belasten.

Amphetamin häufigstes synthetisches Stimulanz

Der Markt für synthetische Stimulanzien hat in der EU einen Wert von insgesamt 1,8 Milliarden Euro. Davon entfällt ein Anteil von 0,67 Milliarden Euro auf MDMA, auch bekannt als Ecstasy. Zwar spielt Methamphetamin, das in seiner kristalline Form auch als Crystal Meth bezeichnet wird, eine vergleichsweise große Rolle in der öffentlichen Wahrnehmung, Amphetamin wird in der EU jedoch deutlich öfter sichergestellt und nach Einschätzung der EBDD auch weit häufiger konsumiert. Allerdings sei es schwierig, Trends bei den Sicherstellungen zu erkennen, da nicht alle Länder zwischen Amphetamin und Methamphetamin bei den Sicherstellungen unterscheiden.

Anders als bei Heroin und Kokain finden sich die meisten Produktionsstätten für Amphetamine innerhalb von Europa. Die Niederlande und Belgien gelten als Hauptproduktionsländer für MDMA und Amphetamin. Die Herstellung von Methamphetamin beschränkt sich überwiegend auf die Tschechische Republik. Ein wachsendes Problem stellt die illegale Entsorgung giftiger Produktionsabfälle dar und die damit verbundene Umweltverschmutzung. Denn es werden immer größere Mengen hergestellt.

Mehr als 560 neue psychoaktive Substanzen

Schließlich gibt es die so genannten neuen psychoaktiven Substanzen, die oft als Legal Highs, also als scheinbar legaler Ersatz für illegale Drogen gehandelt werden. Die EBDD nennt keinen konkreten Marktwert für neue psychoaktive Substanzen, weist aber darauf hin, dass sich bislang keine Anzeichen für eine rückläufige Entwicklung zeigen würden. Allein im Jahr 2015 wurden 100 neue Substanzen entdeckt. Insgesamt werden mehr als 560 derartiger Substanzen durch ein spezielles EU-Frühwarnsystem überwacht.

China hat sich als chemischer und pharmazeutischer Groß- und Einzelhändler für neue psychoaktive Substanzen auf der ganzen Welt etabliert. Oft seien es legale chinesische Unternehmen, die diese Substanzen herstellen und ihre Produkte auf großen Online-Marktplätzen anbieten. Die angebotenen Mengen reichen von wenigen Milligramm bis zu Hunderten von Kilogramm, und mit Hilfe globalisierter Lieferketten können die Substanzen online bestellt und nach Europa transportiert werden.

Globalisierung treibt Drogenhandel voran

Die Globalisierung treibe nicht nur die legale Wirtschaft, sondern auch den illegalen Drogenhandel voran, warnt die EBDD. Vor allem das Internet würde neue offene wie verborgene Absatzwege für den Drogenhandel eröffnen. Dies habe weitreichende Auswirkungen, die über die durch Drogenkonsum verursachten Schäden hinausgehen. Dazu zählen die Beteiligung an anderen Formen krimineller Aktivität und die Finanzierung terroristischer Organisationen.

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