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Topthema

Abschied von Crystal - den Ausstieg schaffen

August 2015

Abhängig von Crystal? Das Aufputschmittel Methamphetamin macht nicht nur extrem wach, sondern auch schnell abhängig. Wie finden Abhängige wieder den Weg aus der Sucht?

Schriftzug EXIT in Großbuchstaben auf Betonplatten

Bild: johny schorle / photocase.com

Ronny hat den Absprung geschafft. Nach mehreren Anläufen hat er endlich die Finger von Crystal lassen können. Ronny hat etliche Jahre verschiedene Drogen konsumiert. Zum Schluss zwei Gramm Crystal pro Woche. Dazu sieben Gramm Cannabis zum Runterkommen. Aber seit fünf Monaten ist er in einer stationären Therapieeinrichtung. Und diesmal strotzt er vor Optimismus. „Ich fühle mich so gut wie lange nicht, bin selbstbewusster, aufgeschlossener, traue mir mehr zu und habe vor allem wieder mehr Selbstachtung. Natürlich habe ich auch Angst, genieße aber meine Motivation und bin gespannt auf mein Leben danach, ohne Crystal, ohne jedes Suchtmittel.“

Grenznahe Verfügbarkeit, zunehmende Problematik

Die Zahl der Crystalkonsumierenden ist laut dem aktuellen Drogen- und Suchtbericht der Bundesregierung in den letzten Jahren gestiegen. Zwar scheint sich bislang kein bundesweiter Trend abzuzeichnen, in den Grenzregionen zur Tschechischen Republik scheint die Crystalproblematik allerdings erheblich zuzunehmen. In den Beratungs- und Behandlungseinrichtungen in Sachsen, Bayern, Sachsen-Anhalt und Thüringen machen die Hilfe suchenden Crystal-Konsumierenden inzwischen etwa 50 bis 70 Prozent der Klientel aus. Die Zahl der von Zoll und Polizei aufgegriffenen Crystal-Konsumierenden hat sich laut Bundeskriminalamt seit 2010 etwa verfünffacht: Im letzten Jahr wurden mehr als 3.000 Crystalkonsumierende erstmals von der Polizei erwischt.

Kristallines Methamphetamin, so die Fachbezeichnung von Crystal Meth, ist ein Aufputschmittel. Es hat eine deutlich stärkere Wirkung als das chemisch verwandte und als Speed bekannte Amphetamin. Crystalkonsumierende fühlen sich anfänglich enorm aufgeputscht, euphorisch und selbstbewusst, bleiben teils mehrere Tage am Stück wach. Eintönige Aufgaben können stundenlang erledigt werden. Nicht selten sind die Wohnungen von Crystal-Konsumierenden extrem aufgeräumt und bis in die kleinste Fuge blank geputzt.

„Angst zu sterben, verrückt zu werden.“

Allerdings birgt Crystal ein enormes Abhängigkeitspotential. Crystal-Konsumierende entwickeln vergleichsweise schnell eine Toleranz gegenüber der Substanz. Das heißt, es muss mehr konsumiert werden, um eine gewünschte Wirkung zu erreichen. Insbesondere bei regelmäßigem Konsum zeigt Crystal seine Schattenseiten: Schlafstörungen, aggressive Ausbrüche, Angstzustände mit Wahnvorstellung und Halluzinationen.

Bei einer Abhängigkeit kommen häufig Beschaffungskriminalität und andere Probleme hinzu. So auch bei Ronny. „Was mir anfangs half in meinem Umfeld selbstbewusster aufzutreten […] endete mit Schulden, Gewalt, Lügen und Isolation - wenn man mal von anderen Süchtigen absieht.“ Schließlich haben sich auch bei Ronny psychotische Symptome entwickelt. Er bekam Angstzustände. „Angst zu sterben, verrückt zu werden. Ich brauchte Hilfe.“

Anonyme Beratung

In den betroffenen Regionen in Deutschland wird inzwischen vermehrt auf diesen Beratungsbedarf reagiert. So hat in Halle im Oktober 2014 die Crystal-Sprechstunde „Checkpoint-C seine Arbeit aufgenommen. Das Projekt wird getragen von Studierenden der Medizin und der Sozialen Arbeit, die ehrenamtlich anonyme Sprechstunde anbieten. „Weil viele Menschen zu Crystal so viele Fragen haben, muss man ein Informationsangebot anbieten, das niedrigschwellig zugänglich ist, wo man unkompliziert Hilfe findet“, erläutert Sabrina Bornmann die Idee hinter Checkpoint-C. Bornmann ist eine der im Projekt engagierten Studierenden, die im Hintergrund von erfahrenen Suchtmedizinern und Sozialarbeitern unterstützt werden.

Eine professionelle Beratung ist wichtig - aber in den meisten Fällen nur der erste Schritt. Auch Ronny hatte zunächst nur ambulanten Kontakt zu einer Beratungsstelle, erkannte aber, dass der Schritt aus der Abhängigkeit mehr Engagement verlangte. „Ich dachte Entgiftung reicht. Ich ließ auch die illegalen Drogen weg, trank dafür Alkohol. Ich schaffte so Drogenpausen von zuerst neun und dann vier Monaten. Beim dritten Anlauf, mit all meiner Angst, habe ich mich für eine Langzeitbehandlung entschieden.“

Es muss zu einem Umdenken kommen

Nicht nur bei Ronny sind es die Folgewirkungen des Crystal-Konsums, die den Weg aus der Abhängigkeit und in die Therapie veranlassen. Das zeigen Studien der US-Soziologin Diane Herbeck. Mit ihrem Team von der University of California in Los Angeles hat sie Interviews mit Crystal-Konsumierenden geführt. Erfahrung mit Crystal hatten die Teilnehmenden der Studie zur Genüge: Bei einem durchschnittlichen Alter von 46 Jahren hatten sie im Schnitt zwölf Jahre lang Crystal konsumiert. Viele hatten den Crystal-Konsum jedoch seit mehreren Jahren komplett eingestellt, lebten also abstinent. Die persönlichen Erfahrungen der Befragten nutzen Herbeck und ihre Team um herauszuarbeiten, was den Betroffenen geholfen hat, abstinent zu werden oder was hinderlich dabei war.

Neben den unerwünschten Nebenwirkungen von Crystal sind es häufig äußere Faktoren, wie die Sorge und der Druck von Familienmitgliedern, die den Impuls geben, erste Ausstiegsversuche anzugehen. Einen langfristigen Ausstieg aus dem Konsum erreichten die Konsumierenden hingegen erst, wenn es zu einer Veränderung der Selbstwahrnehmung gekommen ist, so Herbeck. Es müsse zu einem Umdenken kommen, zu einer Realisierung und Ablehnung des Konsumverhaltens. Genau darauf wird in einer Therapie gezielt hingearbeitet.

Rückfallgefahr ist hoch

Doch selbst wenn Crystal-Konsumierende ihren Konsum mit all seinen Nebenwirkungen als problematisch erleben, kostet es den meisten Betroffenen enorme Kraft, einen zentralen Faktor zu überwinden, der den Konsum aufrechterhält und die Rückfallgefahr dramatisch erhöht: ihr soziales Umfeld, in dem weiterhin Crystal konsumiert wird. Das Herauslösen aus diesen altbekannten sozialen Strukturen fällt den meisten Betroffenen extrem schwer. Und auch das Entwickeln einer neuen Selbstwahrnehmung ist leichter gesagt als getan.

Entsprechend hoch ist die Rückfallquote bei der Therapie von Crystal-Abhängigen, wie Diane Herbeck gemeinsam mit einer Kollegin in einer weiteren Studie ermittelte. 61 Prozent der befragten Crystal-Abhängigen hatten einen Rückfall innerhalb von zwölf Monaten nach Ende der Behandlung, konsumierten also wieder Methamphetamin. Nach fünf Jahren waren sogar bis zu 77 Prozent der Stichprobe rückfällig. Einen Rückfall in alte Verhaltensmuster dauerhaft zu vermeiden ist also sehr schwer. Eine längere Therapiedauer und die anschließende Teilnahme an Selbsthilfegruppen konnte die Dauer der Abstinenz immerhin signifikant verlängern.

Läuft alles nach Plan, wechselt Ronny nach dem Ende seiner stationären Therapie in eine so genannte Adaptionseinrichtung. Dieser Schritt soll den Übergang von der Klinik in den Alltag erleichtern und Rückfälle vermeiden. „Mit Abstand zu meinem alten Umfeld und doch in der Nähe meiner kleinen Tochter“, erklärt Ronny. Zukünftig will er zudem anderen Crystal-Abhängigen helfen. „Ich möchte in der Selbsthilfe anderen ein Beispiel sein und Mut machen, den Ausstieg zu schaffen.“

Fazit

Crystal kann eine starke psychische Abhängigkeit nach sich ziehen, von der Betroffene oft nur schwer wieder loskommen. Manche brauchen mehrere Anläufe oder sogar eine stationäre Entgiftungsbehandlung. In einem ersten Schritt ist es hilfreich, eine Beratung, entweder in einer Drogenberatungsstelle vor Ort oder online zu nutzen. Die Beratung ist oft anonym möglich. Beraterinnen und Berater unterliegen in der Regel der Schweigepflicht.

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