Drugcom: Topthema: Starker Wille reicht nicht - Strategien erhöhen Chancen für Ausstieg aus Drogenkonsum

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Topthema

Starker Wille reicht nicht - Strategien erhöhen Chancen für Ausstieg aus Drogenkonsum

März 2017

Im Verständnis vieler Menschen spielt der Wille eine wichtige Rolle, wenn es um den Ausstieg aus dem Drogenkonsum geht. Studien zum Drogenausstieg machen jedoch deutlich, dass der Wille allein nicht reicht. Vielmehr geht es darum, Strategien anzuwenden, um die Sucht auszutricksen.

Licht dringt durch halb geöffneter Tür in roter Wand

Bild: Imaster / Fotolia.com

Eine Drogenabhängigkeit kann sehr hartnäckig sein. Der starke Wunsch, psychotrope Substanzen zu konsumieren sowie die verminderte Fähigkeit, diesen Wunsch zu kontrollieren, sind Kennzeichen einer Abhängigkeit. Viele Menschen, die von Drogen abhängig sind, benötigen daher mehrere Anläufe, bis es ihnen gelingt, dauerhaft auf den Konsum zu verzichten.

„Ich habe drei Anläufe gebraucht, um rauszukommen“, erklärt Anna im drugcom-Video. „Der Dritte erst war erfolgreich. Beim Zweiten war ich sogar schon in Therapie.“ Anna war abhängig von Cannabis. Das Kiffen erlebte sie wie einen „dunklen Begleiter“, den sie erst über einen längeren Prozess loswerden konnte.

Häufig Rückfall bei unvorbereitetem Ausstieg

Wie Anna ergeht es vielen, die versuchen, das Kiffen einzustellen. Dies zeigte sich auch in einer US-amerikanischen Studie, in der 193 ausstiegswillige Cannabiskonsumierende drei Monate lang begleitet wurden. Nur wenigen ist es gelungen, das Kiffen selbständig einzustellen oder zu reduzieren. Die meisten sind schon nach einem Tag, spätestens aber nach einer Woche rückfällig geworden.

In der Befragung hat sich abgezeichnet, dass sich kaum eine der teilnehmenden Personen im Vorfeld vorbereitet und beispielsweise mit den zu erwartenden Risikosituationen beschäftigt hatte. Ein Teil der Kiffer hatte sich zumindest darum bemüht, Aktivitäten zu finden, mit denen sie sich ablenken können. Wer sich bewusst mit anderen Dingen beschäftigte, war im Schnitt länger abstinent als Kiffer, die sich keine Alternativen gesucht haben.

Wie es scheint, reicht der bloße Wille zur Veränderung nicht aus, um dauerhafte Abstinenz zu erlangen. Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt eine Studie aus Australien, in der Drogenabhängige über einen Zeitraum von drei Jahren begleitet wurden. Teilgenommen hatten 69 Personen, die entweder von Opioiden, Alkohol oder Methamphetamin abhängig waren. In einjährigem Abstand führte das Forschungsteam vertiefende Interviews durch, um zu erfahren, wie es den Teilnehmenden ergangen ist und was ihnen geholfen hat, abstinent zu werden.

Strategien machen den Unterschied

Auffällig war, dass praktisch alle Teilnehmenden sich selbst einen starken Willen zugeschrieben haben. Jedoch habe der Wille nach Angaben des Forschungsteams keinen Einfluss darauf gehabt, ob die Personen erfolgreich ausgestiegen sind oder nicht. „Ich hatte immer einen starken Willen“, wird einer der Teilnehmenden zitiert. „Ich schätze, ich habe ihn allerdings nicht immer gut genutzt.“

So haben sich sowohl die Teilnehmenden, die erfolgreich den Drogenkonsum einstellen konnten, als auch jene, die keine oder keine stabile Abstinenz erreicht haben, einen starken Willen zugesprochen. Was die erfolgreichen von den nicht erfolgreichen Personen unterschied, war hingegen die Anwendung von Strategien. Personen, denen es gelungen ist, dauerhafte Abstinenz zu erlangen, hatten schon zu Beginn der Studie detailliert Auskunft darüber geben können, welche konkreten Strategien sie beabsichtigen anzuwenden.

Besonders erfolgreich waren Personen, die einen radikalen Umbau ihres Alltags vollzogen haben. Für viele der Befragten war der Umzug in eine andere Wohngegend ein wichtiger Schritt, um vom alten Leben wegzukommen. Eine Teilnehmerin berichtete, dass sie sogar mehrfach umgezogen ist, bis sie eine Wohngegend gefunden hat, in der sie drogenfrei leben kann. Ein anderer Teilnehmer hat sich hingegen verstärkt auf die Arbeit konzentriert, um den Personen aus dem Wege zu gehen, mit denen er früher Drogen genommen hat.

Wer sich hingegen nur auf seine Willenskraft verließ, ohne konkrete Veränderungen im Leben vorzunehmen und ohne die Entwicklung einer festen Tagesstruktur, der- oder diejenige hatte meist Probleme damit, weiteren Versuchungen zu widerstehen. Warum ist das eigentlich so schwierig?

Willenskraft kann erschöpft werden

Nach Meinung des Forschungsteams unter der Leitung von Neil Levy hängt dies mit unserer begrenzten Willenskraft zusammen. Das Team vertritt die Annahme, dass der Wille zur Selbst-Kontrolle eine Fähigkeit ist, die sich erschöpfen kann. Wie ein Muskel verfüge auch die Willenskraft nur über eine begrenzte Kapazität. Ist sie erschöpft, fehlt es an Widerstandsfähigkeit, wenn die Betroffenen beispielsweise wieder in Kontakt kommen mit drogenkonsumierenden Freunden.

Personen, die ihr Leben umgekrempelt und neue Gewohnheiten entwickelt haben, berichteten hingegen seltener von Situationen, in denen der Wunsch nach Drogenkonsum wieder aufgeflammt ist. Eine Teilnehmerin berichtete, dass ihr zwar hin und wieder der Gedanke an Drogenkonsum gekommen sei. Allerdings habe sie dies nicht weiter belastet: „Es passte nicht mehr in mein jetziges Leben.“

Die Studie hat somit gezeigt, dass ein starker Wille zwar hilfreich ist, um den Ausstieg in Angriff zu nehmen. Wer sich aber ausschließlich auf seine Willenskraft verlassen hatte, war Situationen, in denen der Wunsch nach Drogenkonsum ausgelöst wurde, schutzlos ausgeliefert und ist meist wieder rückfällig geworden.

Kifferfreunde bergen hohes Rückfallrisiko

Wie wichtig eine gute Vorbereitung und die aktive Auseinandersetzung mit dem Ausstiegsprozess ist, konnte auch in einer Onlinebefragung von 165 Cannabiskonsumierenden gezeigt werden. Alle hatten vor, aus dem Konsum auszusteigen. Wer sich jedoch nicht mit seinen Lebensumständen befasst und Bewältigungsstrategien entwickelt hatte, ist mit einer höheren Wahrscheinlichkeit wieder rückfällig geworden. Vor allem der Kontakt zu alten Kifferfreunden war mit einem hohen Risiko verbunden, wieder zu kiffen.

Erfolgreiche Aussteigerinnen und Aussteiger der Studie hatten hingegen häufiger Strategien entwickelt, wie sie anderen Kiffern bewusst aus dem Wege gehen oder wie sie mit unangenehmen Gefühlen wie depressiven Stimmungen und Stress umgehen können. Zudem hatten die erfolgreich ausgestiegenen Teilnehmenden häufiger professionelle Hilfe in Anspruch genommen.

Die Vorbereitung auf den Ausstieg durch die Entwicklung von Bewältigungsstrategien ist auch ein wichtiger Baustein im Beratungsprogramm Quit the Shit. „Ich habe ungefähr 10 neue Hobbys entwickelt oder wieder aufleben lassen“, berichtet beispielsweise eine erfolgreich aus dem Kiffen ausgestiegene Teilnehmerin. Beliebte Aktivitäten der Teilnehmerinnen und Teilnehmer von Quit the Shit sind Sport, Unternehmungen mit nicht konsumierenden Freunden oder Entspannungstechniken wie Meditation.

Fazit

Ein starker Wille ist hilfreich, um den Ausstieg aus dem Drogenkonsum in die Tat umzusetzen. Für einen erfolgreichen Ausstieg dürfte es jedoch unerlässlich sein, sich Ablenkungen zu suchen und Strategien zu entwickeln, wie erneute Versuchungen bewältigt werden können. Das kann beispielsweise das aktive Meiden von Situationen sein, die in der Vergangenheit mit Drogenkonsum in Zusammenhang standen oder Gespräche mit nicht konsumierenden Freundinnen und Freunden.

Insbesondere die Inanspruchnahme von professioneller Hilfe erhöht die Chance auf einen erfolgreichen Ausstieg aus dem Drogenkonsum. Für Cannabiskonsumierende bietet das Online-Programm Quit the Shit kostenlos eine mehrwöchige Hilfe. Darüber hinaus gibt es Beratungsstellen vor Ort, die Hilfe zum Ausstieg anbieten.


Quellen:

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