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Wie ein Paradies für Ratten das Verständnis von Sucht veränderte

Januar 2019

Drogen können süchtig machen. Das ist klar. Aber ist es die Droge allein, die eine Art Schalter im Körper umlegt und so eine Sucht erzeugt? In den 1970er Jahren hat sich ein Forschungsteam um den kanadischen Psychologen Bruce Alexander dieser Frage gestellt und eine bis heute diskutierte Reihe an Experimenten mit Ratten durchgeführt.

Ratte sitzt in einem Glas und schaut mit den Pfoten aufgestützt über den Rand

Bild: krechet / istockphoto.com

Auch eine Ratte kann süchtig werden. Sie muss nur lange genug an das Suchtmittel gewöhnt werden, indem man ihr beispielsweise ausschließlich Trinkwasser gibt, das mit Morphin versetzt ist. Nach einer Weile wird die Ratte Wasser mit Morphin bevorzugen, auch wenn ihr alternativ reines Wasser zur Verfügung steht. Und das, obwohl Ratten Morphin aufgrund des bitteren Geschmacks normalerweise meiden. Dieser Effekt wurde als Beleg dafür verwendet, dass allein der Konsum einer Droge eine Drogenabhängigkeit erzeugt. Die Droge würde mehr oder weniger unweigerlich einen biologischen Prozess in Gang setzen, der süchtiges Verhalten zur Folge hat. Doch wie aussagekräftig sind derartige Tierstudien?

Bereits vor gut 40 Jahren hat sich der Forscher Bruce Alexander mit dieser Frage befasst. Seiner Ansicht nach würde die typische Laborratte in viel zu kleinen, kargen Käfigen gehalten, die keinen Kontakt zu Artgenossen erlauben. „Anders als menschliche Gefangene haben die Ratten nicht mal die Möglichkeit, sich zeitweilig außerhalb ihrer beengten Käfige zu bewegen“, kritisiert Alexander. Unter diesen Bedingungen dürfe es nicht weiter verwundern, dass Ratten eine Morphinsucht entwickeln, wenn ihnen die Möglichkeit gegeben wird, sich die Droge selbst zu verabreichen.

Die „Rat Park“-Experimente

Alexander wollte herauszufinden, wie sich Ratten verhalten, wenn sie artgerecht untergebracht sind. Würden sie ebenfalls morphinsüchtig werden? Dazu führten Alexander und sein Team ab 1978 drei Experimente durch. Sie bauten zunächst einen fast neun Quadratmeter großen Käfig, der gefüllt war mit allerlei Dingen, die Ratten mögen. Der Boden war mit Sägespänen bedeckt und es gab viele Objekte wie Dosen, Laufräder, Boxen und anderen Dinge, die sich erkunden ließen. Zehn männliche und zwölf weibliche Ratten lebten hier zusammen. Die Tiere hatten also nicht nur viel Platz, sondern auch sozialen Kontakt zu Artgenossen, inklusive der Möglichkeit, sich untereinander zu vermehren. Der Käfig war gewissermaßen ein Paradies für Ratten. Das Team nannte diesen Käfig daher „Rat Park“.

Zum Vergleich wurde eine andere Gruppe von Ratten einzeln in den üblichen Laborkäfigen gehalten. Beide Gruppen wurden in einer ersten Phase des Experiments an Morphin gewöhnt, indem ihnen über einen Zeitraum von 57 Tagen eine Wasser-Morphin-Lösung als ausschließliche Trinkquelle zur Verfügung stand. Anschließend wurden zwei Trinkflaschen in den Käfigen installiert: Eine enthielt nur Wasser, die andere eine Wasser-Morphin-Lösung.

Der Vergleich zeigte: Ratten, die in Rat Park gehalten wurden, verzichteten zwar nicht gänzlich auf Morphin, sie tranken aber deutlich weniger davon, als die isoliert gehaltenen Ratten. Zudem hat sich ein Geschlechtsunterschied abgezeichnet. Weibliche Ratten tranken generell mehr von der Morphinlösung als männliche Ratten.

Das Forschungsteam führte noch zwei weitere Experimente durch, in denen die Bedingungen etwas variiert wurden. In einem Experiment wurden die Ratten nicht zwangsweise an Morphin gewöhnt. Die Wasser-Morphin-Lösung wurde stattdessen in mehreren Stufen gesüßt, um den bitteren Geschmack zu überdecken. In einem dritten Experiment wurden die Ratten mal in Isolation, mal in Rat Park großgezogen. Doch in allen Experimenten zeigte sich mehr oder weniger das gleiche Ergebnis: Ratten in Rat Park hatten weniger Morphin konsumiert, als Ratten, die isoliert gehalten wurden.

Bedeutung umweltbedingter Stressfaktoren

Das Team schlussfolgerte, dass bei der Frage, ob eine Droge suchterzeugend ist, auch das Geschlecht und vor allem die Lebensbedingungen eine Rolle spielen. So sei Sucht insbesondere eine Reaktion auf umweltbedingte Stressoren. Die Haltung in Laborkäfigen wäre so ein Stress erzeugender Umweltfaktor. Die Ergebnisse von Bruce Alexander und seinem Team wurden seither immer wieder als Beleg dafür zitiert, dass nicht in erster Linie die Eigenschaften einer Droge eine Sucht erzeugen, sondern diese sich erst unter ungünstigen Umweltbedingungen entwickeln kann.

Die Studien wurden in einer Zeit publiziert, als in der US-amerikanischen Öffentlichkeit stark angstbesetzte Bilder von illegalen Drogen vorherrschten. Demnach würde der Konsum von Drogen schon nach kurzer Zeit unweigerlich in einer Sucht münden. Die Rat-Park-Experimente haben nach Einschätzung von Alexander und seinem Team hingegen gezeigt, dass sich Sucht nicht auf den Konsum einer Droge reduzieren lasse, sondern erst im Zusammenspiel mit der Umwelt entstehe.

Die Ergebnisse fanden auch in der Öffentlichkeit ihren Widerhall. Unter anderem wurde ein Comic über die Experimente verfasst, und auf YouTube finden sich zahlreiche Videos, in denen die Rat-Park-Experimente thematisiert werden. Doch es gibt auch Kritik an den Experimenten und den Schlussfolgerungen, die daraus gezogen wurden.

Kritik an methodischer Durchführung

Die britische Forscherin Suzanne Gage und ihr Kollege Harry Sumnall haben eine aktuelle Bewertung der Rat-Park-Studien veröffentlicht. Einer ihrer Kritikpunkte betrifft die Datensammlung in den Experimenten. Die Menge der konsumierten Morphinlösung wurde in Rat Park tropfenweise mit einer Kamera protokolliert. Bei den Ratten, die isoliert in kleinen Käfigen gehalten wurden, ergab sich die verbrauchte Menge Morphin hingegen durch Vorher-Nachher-Messungen des Flaschengewichts. Unterschiedliche Messmethoden sind aber eher unüblich in wissenschaftlichen Studien, wenn das Verhalten von zwei Gruppe miteinander verglichen werden soll.

So sei nicht auszuschließen, dass unterschiedliche Messmethoden zu unterschiedlichen Ergebnissen führen. Eine gewisse Menge der Morphin-Lösung könnte bei den Käfig-Ratten beispielsweise aus der Flasche getropft sein, ohne dass eine Ratte diese getrunken hat. Dann würde die konsumierte Menge überschätzt. Auch sei zu bedenken, dass die weiblichen Ratten in Rat Park schwanger wurden und sich dieser Umstand auf ihr Verhalten bei der Nahrungsaufnahme ausgewirkt haben könnte. Zudem sei die Anzahl der in den Versuchen verwendeten Ratten selbst für Tierstudien vergleichsweise klein gewesen. Die Gruppe der isoliert gehaltenen Ratten bestand nur aus sechs männlichen und zwei weiblichen Tieren.

Andere Forschungsteams haben versucht, die Rat-Park-Experimente zu wiederholen. Dabei zeigten sich jedoch keine eindeutigen Ergebnisse. Teils wurden die Ergebnisse bestätigt, teils zeigten sich keine Unterschiede zwischen Ratten, die in isolierten Käfigen gehalten wurden und Tieren, die in einem Rat Park leben durften.

Kernbotschaft: Sucht mehr als nur eine biologische Reaktion

Es bleibe daher unklar, wie hoch der Einfluss der Umwelt in den Rat-Park-Experimenten tatsächlich zu bewerten ist. Die Studien von Alexander und seinem Team würden nach Einschätzung von Gage und Sumnall dennoch eine wichtige Botschaft transportieren: Sucht ist komplizierter als nur eine biologische Reaktion auf den Konsum einer Droge. Die Experimente hätten zwar kein völlig neues Verständnis von Sucht hervorgebracht, aber dazu beigetragen, die Umwelt als wichtigen Faktor bei der Entstehung von Sucht zu berücksichtigen.

Die Umwelt als allein entscheidenden Faktor zu betrachten, sei allerdings ebenfalls eine zu stark vereinfachte Sicht auf Sucht. Gegenwärtig werde Sucht vielmehr als ein komplexes bio-psycho-soziales Phänomen verstanden, das sich nicht auf einen einzigen Faktor reduzieren lasse.

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