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Drogennachweis mittels Abwasser

Juni 2018

Jeder Mensch muss mal. Was beim Gang auf die Toilette in die Kanalisation gelangt, wird von Forschenden in ganz Europa regelmäßig unter die Lupe genommen. Dabei kommt so manch überraschender Befund zum Vorschein.

Alter Plumpsklodeckel, von dem weiße Farbe abblättert

Bild: Flügelwesen /photocase.de

Mit dem Reagenzglas in der unbehandelten Kloake, so oder ähnlich muss man sich die Probenentnahme zu Studienzwecken wohl vorstellen. In vielen europäischen Groß- und Kleinstädten haben Forscherinnen und Forscher das Abwasser am Zulauf einer Kläranlage auf Rückstände illegaler Drogen untersucht.

Der Vorteil von Abwasseranalysen gegenüber klassischen Befragungen liegt auf der Hand: Was eine Person in einer Umfrage über sich preisgibt kann wahr sein - oder auch nicht. Im Urin sind Drogenrückstände hingegen objektiv nachweisbar. Da alle Menschen irgendwann auf die Toilette gehen müssen, liefert Abwasser somit theoretisch jede Menge Informationen über die Art und Menge des Drogenkonsums einer Region.

Durch Hochrechnungen wird Pro-Kopf-Verbrauch ermittelt

Ursprünglich dienten Abwasseranalysen in den 1990er Jahren zur Überwachung der Umwelteinwirkungen von häuslichem Abwasser. In der Folge wurden die Analysen auch dazu genutzt, um auf Rückstände illegaler Drogen zu testen. Durch Hochrechnungen versuchen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler den Pro-Kopf-Konsum der Bevölkerung im Einzugsbereich einer Kläranlage abzuschätzen. Allerdings ist der Nachweis über die Kloake nicht einfach. Denn je nach Wassertemperatur, Fließgeschwindigkeit, Ort der Entnahme oder Umrechnungsmethode lassen sich andere Werte für den Verbrauch an illegalen Drogen ermitteln.

Um das Verfahren zu vereinheitlichen wurde 2010 ein europaweites Netzwerk gegründet, die Sewage Analysis CORe group Europe (SCORE). Im SCORE-Netzwerk wurden gemeinsame Standards für die Probenentnahme und Auswertung entwickelt. Seit 2011 werden jährlich Analysen durchgeführt. Für 2017 liegen Ergebnisse aus etwa 60 Städten vor, die 19 europäische Länder abdecken. Die Europäische Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht (EMCDDA) hat kürzlich einen Bericht über die jüngsten Abwasseranalysen veröffentlicht. Die Ergebnisse können auf der Website der EMCDDA interaktiv abgerufen werden und bergen so manche Überraschung.

Chemnitz an der Spitze beim Konsum von Crystal Meth

Was durchaus zu erwarten war: Deutschland und die Tschechische Republik führen beim Thema Methamphetamin, auch bekannt als Crystal Meth. Tschechien gilt als Produktionsland von Methamphetamin. Überraschenderweise sind aber nicht tschechische, sondern deutsche Städte ganz vorn, allen voran Chemnitz mit 241 Milligramm auf 1.000 Einwohner pro Tag. Erfurt steht mit 211 Milligramm auf Platz zwei. Erst danach folgen zwei tschechische Städte.

Damit bestätigen die Analysen bisherige Umfragen, die nahelegen, dass der Konsum von Methamphetamin vor allem in Teilen Ostdeutschlands ein Problem darstellt. In Westdeutschland wurden hingegen nur geringe Mengen gefunden. In Dortmund lagen die Messwerte sogar unterhalb der Grenze, die technisch erfassbar ist.

Die EMCDDA betont allerdings, dass der Konsum von Methamphetamin insgesamt vergleichsweise gering ausgeprägt ist. Methamphetamin ist laut den Ergebnissen der Abwasseranalysen fast nur im östlichen Teil Europas von Bedeutung. In den Städten Süd- und Westeuropas spielt der Konsum von Crystal Meth kaum eine Rolle.

Nachweis von Kokain durch Abbauprodukt

Anders sieht es beim Konsum von Kokain aus. Hier dominieren West- und Südeuropa. Spitzenreiter ist Barcelona mit 965 Milligramm auf 1.000 Einwohner am Tag. An dem geschätzten Verbrauch ist bereits erkennbar, dass beim Thema Kokain im Vergleich zu Methamphetamin von einer anderen Dimension gesprochen werden kann.

Nun könnte eingewendet werden, dass die eine oder andere Line „Koks“ womöglich direkt ins Klo wandert und die wahre Verbreitung daher niedriger ist. Der Konsum von Kokain wird jedoch nicht durch Rückstände der Droge selbst ermittelt, sondern anhand von Benzoylecgonin. Das ist ein Abbauprodukt, das im menschlichen Körper bei der Verstoffwechselung von Kokain entsteht.

Die Verbreitung von Kokain birgt eine weitere Überraschung. Wer hätte gedacht, dass allein fünf Städte aus der Schweiz unter den Top-10 gelistet werden. Zürich liegt mit 934 Milligramm Kokain nur knapp hinter Barcelona. Den höchsten Konsum in Deutschland fanden die Forscherinnen und Forscher in Dortmund. Auf 462 Milligramm wird der Kokainverbrauch pro 1.000 Einwohner am Tag geschätzt. Die ostdeutschen Städte Dresden und Chemnitz liegen mit 20 und 21 Milligramm lediglich auf Rang 53 und 54 von 59 europäischen Städten.

Niederlande Spitze bei MDMA und Amphetamin

Beim Verbrauch von MDMA, das auch als Ecstasy bezeichnet wird, liegen die Niederlande ganz vorn. Drei Städte liegen unter den Top 5. Mit weitem Abstand führt Amsterdam das Ranking. 230 Milligramm pro 1.000 Einwohner werden in Amsterdam täglich konsumiert. Eindhoven folgt mit 165 Milligramm. Der höchste MDMA-Konsum in Deutschland findet sich, nicht weiter verwunderlich, in Berlin. In der (Party-)Hauptstadt werden 50 Milligramm MDMA am Tag konsumiert, bezogen auf 1.000 Personen.

Beim Konsum von Amphetamin, auch bekannt als Speed, führt mit Eindhoven wieder eine Stadt aus dem Niederlanden. Als überraschend dürfte das hohe Ranking von Saarbrücken und Mainz bezeichnet werden, liegen sie doch mit 242 und 227 Milligramm deutlich vor Berlin, deren Bewohnerinnen und Bewohner „nur“ 130 Milligramm pro Tag verbrauchen.

Nicht nur am Wochenende auf Speed

Die Abwasseranalysen liefern darüber hinaus Echtzeitdaten, die Rückschlüsse auf das wöchentliche Konsummuster zulassen. Mehr als drei Viertel der Städte wiesen am Wochenende erwartungsgemäß höhere Werte für Kokain- und MDMA-Konsum auf als an anderen Wochentagen. Hingegen verteilten sich die Werte für Amphetamin mehr oder weniger gleichmäßig über die Woche. Die Vermutung liegt nahe, dass Amphetamin nicht nur zum Feiern verwendet wird, sondern auch im übrigen Alltag zur Stimmungs- und Leistungssteigerung eingenommen wird.

Auch bei der Größe der Stadt gab es auf die Substanz bezogen Unterschiede. Während in den meisten Ländern mit mehreren Studienstandorten die Kokain- und MDMA-Belastung in Großstädten grundsätzlich höher ausfällt als in kleineren Städten, ließen sich keine entsprechenden Unterschiede beim Konsum von Amphetamin und Methamphetamin feststellen.

Ergänzung klassischer Befragungen

Liefern Abwasseranalysen nun die besseren Werte als klassische Befragungen? Die EMCDDA weist darauf hin, dass ein direkter Vergleich schwierig ist, da unterschiedliche Daten erhoben werden. Mit Abwasseranalysen lassen sich zwar Trends ermitteln und unterschiedlichen Regionen vergleichen. Wie viele Menschen tatsächlich Drogen nehmen, darüber liefern Abwasseranalysen jedoch keine zuverlässigen Daten.

Zudem können schwankende Reinheitsgehalte von illegalen Drogen die Ergebnisse beeinflussen. Auch kann das Verhalten der Drogen im Abwasser noch nicht sicher eingeschätzt werden. Repräsentative Befragungen liefern hingegen mehr oder weniger genaue Daten, wenn es darum geht abzuschätzen, wie viele Personen der Bevölkerung Drogen konsumieren.

Die EMCDDA betont daher, dass Abwasseranalysen herkömmliche Befragungen nicht ersetzen können. Vielmehr seien die Analysen als Ergänzung zu sehen. So lässt sich die Auswertung von Abwasserproben als Frühwarnsystem nutzen, beispielsweise wenn es um neue psychoaktive Substanzen (NPS) geht, deren Verbreitung noch vergleichsweise gering ist. Hinzu kommt, dass Konsumierende von NPS oft selbst nicht wissen, was genau sie konsumieren. Abwasseranalysen können auch Echtzeitdaten zu geographischen oder zeitlichen Entwicklungen liefern. Denkbar seien sogar lokale Auswertungen tragbarer Urinale, die auf Festivals oder ähnlichen Veranstaltungen eingesetzt werden.

Die EMCDDA schlussfolgert, dass sich Abwasseranalysen von einem experimentellen Verfahren hin zu einer neuen Methode entwickelt haben, mit deren Hilfe in Zukunft schnell neue Trends ermittelt werden können.

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