1. Sprung zur Servicenavigation
  2. Sprung zur Hauptnavigation
  3. Sprung zur Suche
  4. Sprung zum Inhalt
  5. Sprung zum Footer

 HomeTopthema > Topthema vom Dezember 2011

Topthema

Andere Kiffer sind größtes Risiko beim Ausstieg

Dezember 2011

Wer schon seit mehreren Jahren kifft, hat es mitunter nicht leicht, aus dem Konsum wieder auszusteigen. Manchen Kiffern gelingt es, anderen nicht. Woran liegt das? Und gibt es Strategien, die besonders hilfreich sind, wenn man nicht mehr kiffen will?

Mit Kreide steht in tabellarischer Form auf einer Tafel geschrieben

Bild: BrianAJackson / istockphoto.com

Fast jeder zweite junge Erwachsene in Deutschland hat schon mal gekifft. Die meisten von ihnen belassen es beim Probieren. Manche kommen allerdings auf den Geschmack und fangen an, regelmäßig oder sogar täglich zu kiffen. Etwa 30 Prozent der Cannabiskonsumierenden entwickeln eine Abhängigkeit. Oft ist das ein schleichender Prozess, in dem der Konsum immer weniger zum Vergnügen als vielmehr dazu dient, schwierige Situationen erträglicher zu machen (mehr dazu im drugcom-Interview mit Birgit Spohr). Der Ausstieg aus dem Konsum fällt vielen dann schwer. Manche schaffen es aus eigener Kraft, während es anderen nicht gelingt. Was unterscheidet die erfolgreichen von den weniger erfolgreichen Aussteigern?

Mit dieser Frage haben sich Sally Rooke und ihr Forschungsteam von der Universität New South Wales in Australien beschäftigt, um Hinweise darauf zu bekommen, wie Cannabiskonsumierende besser beim Ausstieg unterstützt werden können. Dazu führten sie eine Onlinebefragung durch und unterteilten 165 Teilnehmerinnen und Teilnehmer in zwei Gruppen: Erfolgreiche Aussteiger waren Personen, die seit mindestens einem Jahr abstinent waren, zuvor aber regelmäßig gekifft hatten. Die andere Gruppe bildeten Cannabiskonsumierende, die schon mal versucht haben, mit dem Kiffen aufzuhören, bisher aber keinen Erfolg hatten.

In der Befragung ging es vor allem darum, herauszufinden, ob und welche Strategien die Personen angewendet haben, als sie versuchten, den Konsum einzustellen. Durch eine vergleichende Analyse beider Gruppen konnte das Forschungsteam somit herausarbeiten, welche Faktoren möglicherweise „schuld“ daran sind, dass es Kiffern nicht gelingt, auszusteigen. Oder andersherum: Was kennzeichnet erfolgreiche Aussteiger?

Erfolgreiche Aussteiger nutzen Strategien

Den stärksten Einfluss auf den Erfolg eines Ausstiegsversuchs haben den Ergebnissen zufolge andere Kiffer. Denn je mehr die Ausstiegswilligen in Kontakt kommen zu anderen Kiffern, desto weniger wahrscheinlich wird ihr Vorhaben von Erfolg gekrönt sein. In Zahlen: Wer häufig Kontakt hat zu anderen Kiffern, hat ein 6-fach höheres Risiko, wieder zu kiffen, als Aussteiger, die den Kontakt zu Kiffern meiden. Das leuchtet ein. Schließlich werden Ausstiegswillige mit vielen „Schlüsselreizen“ konfrontiert, wenn sie Anderen beim Kiffen zuschauen: Neben dem Duft eines Joints reicht vermutlich schon der gewohnte Kontext mit den kiffenden Kumpels, um Lust darauf zu bekommen, mal wieder einen „durchzuziehen“.

Das bedeutet aber nicht, dass es Kiffer nicht selbst in der Hand hätten, erfolgreich auszusteigen. Denn die Ergebnisse zeigen, dass erfolgreiche Aussteiger signifikant häufiger Bewältigungsstrategien angewendet haben. Dazu gehört beispielsweise auch die Strategie, anderen Kiffern bewusst aus dem Wege zu gehen und sich mehr nicht-kiffenden Freundinnen und Freunden zuzuwenden.

Generell hat sich als erfolgreich herausgestellt, wenn der Ausstieg bewusst angegangen wird und die Personen sich Strategien überlegen wie sie sich beispielsweise entspannen können statt zu kiffen oder wie sie mit unangenehmen Gefühlen wie depressiven Stimmungen oder Stress umgehen können. Denn Kiffer, die keinen Erfolg bei ihrem Ausstiegsversuch hatten, litten häufiger unter Depressionen und Stress als erfolgreiche Aussteiger.

Motivation allein reicht nicht aus

Was Rooke und ihr Team überraschte, war das Ergebnis, dass die nicht erfolgreichen Kiffer sich stärker als die erfolgreichen darauf konzentrierten, sich selbst für den Ausstieg zu motivieren. Dies geschieht beispielsweise dadurch, indem man sich die Vorteile des Ausstiegs oder die Nachteile des Kiffens vergegenwärtigt. Ist es also kontraproduktiv, sich selbst mit Argumenten für den Ausstieg und gegen das Kiffen anzuspornen? Sicherlich nicht. Denn die Strategie, sich selbst zu motivieren, ist eine wichtige Komponente im Ausstiegsprozess. Die nicht erfolgreichen Aussteiger hatten sich nach Meinung der Autorinnen und Autoren der Studie jedoch zu einseitig mit diesen Gedanken beschäftigt und die konkret-praktischen Alltagsstrategien vernachlässigt. Anders gesagt: Die Motivation zum Ausstieg ist zwar eine notwendige, aber nicht hinreichend Bedingung, um das Kiffen erfolgreich einzustellen.

Professionelle Ausstiegshilfen erhöhen Erfolgswahrscheinlichkeit

Erwartungsgemäß zeigte sich zudem, dass eine stärker ausgeprägte Cannabisabhängigkeit ebenfalls mit einer geringeren Ausstiegswahrscheinlichkeit zusammenhängt. Doch der Ausstieg ist auch nach jahrlangem Kiffen nicht unmöglich, nur schwerer. Dann reicht es womöglich nicht, den Ausstieg allein in Angriff zu nehmen. Wie Rooke und ihr Team zeigen konnten, sind diejenigen unter den Kiffern im Vorteil, die professionelle Ausstiegshilfen nutzen, denn in der Studie erhöhte sich die Wahrscheinlichkeit für einen erfolgreichen Ausstieg, wenn sich die Personen in Behandlung begeben hatten.

In Deutschland nimmt allerdings nur eine Minderheit der Cannabiskonsumierenden professionelle Hilfe in Anspruch. Eine Studie unter der Leitung von Hans-Ulrich Wittchen vom Max-Planck-Institut in München kommt zu dem Schluss, dass nur ein Drittel der Personen, die einen problematischen Konsum aufweisen, jemals fachliche Unterstützung wegen ihres Cannabiskonsums aufsuchen.

Dass professionelle Beratung nur in den wenigsten Fällen genutzt wird, hat vermutlich verschiedene Gründe. Sei es aus Scham, einer zunächst fremden Person gegenüber die eigenen Probleme einzugestehen oder sei es, dass die persönlichen Schwierigkeiten als zu unbedeutend betrachtet werden, als dass hierfür ein „Seelenklempner“ aufzusuchen wäre. Tatsache aber ist: Je eher man sich mit seinem Konsum offen auseinandersetzt und hierfür fachkundige Hilfe in Anspruch nimmt, desto wahrscheinlicher ist es, dass der Konsum erfolgreich reduziert oder ganz einstellt wird - wie auch in der Studie von Rooke gezeigt werden konnte.

Was bei der Beratung passiert

Anfragen an die Beratung von „drugcom.de“ machen deutlich, dass viele der Nutzerinnen und Nutzer nicht wissen, was Beratung eigentlich ist und wie diese abläuft. Unter der Rubrik „häufig gestellte Fragen“ werden daher die wichtigsten Themen zu Beratung und Therapie behandelt. Vereinfacht gesagt geht es in der Beratung darum, über die Sorgen oder Ängste zu sprechen, um gemeinsam Lösungsmöglichkeiten zu finden oder weiterführende Hilfsmöglichkeiten zu erörtern.

Mittlerweile gibt es ein vielfältiges Beratungsangebot für Cannabiskonsumierende in Deutschland. So stellen sich immer mehr Drogenberatungsstellen darauf ein, dass Klientinnen und Klienten mit Cannabisproblemen zu ihnen kommen. Mit dem Beratungsprogramm „Realize it“ beispielsweise wurde ein spezielles Angebot nur für Cannabiskonsumentinnen und -konsumenten entwickelt. Viele Beratungsstellen in ganz Deutschland nehmen daran teil.

Beratung online

Wer es lieber online mag, für den bietet das Internet auch einige Beratungsmöglichkeiten. Viele Drogenberatungsstellen haben zusätzlich die Möglichkeit geschaffen, per Chat oder E-Mail kontaktiert zu werden. Eine ausschließlich online durchgeführte und auf die Belange von Cannabiskonsumierenden hin spezialisierte Beratung bietet „drugcom.de“ mit dem Programm „Quit the Shit“ an. Ratsuchende werden hierbei individuell und durch erfahrene Beraterinnen und Berater darin unterstützt, ihren Cannabiskonsum zu reduzieren oder ganz einzustellen. Die Wirksamkeit von „Quit the Shit“ ist wissenschaftlich belegt. In der Studie hatten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer von „Quit the Shit“ ihren Cannabiskonsum signifikant im Vergleich zu einer Kontrollgruppe senken können. Gleichzeitig verbesserte sich ihr psychisches Befinden. Angst und Depressivität nahmen ab und die Lebenszufriedenheit nahm zu.

Fazit

Auch nach jahrelangem Kiffen ist der Ausstieg aus dem Konsum in Eigenregie möglich. Die Studie von Rooke und ihrem Team hat gezeigt, dass dabei der bewusste Einsatz von Strategien wichtig ist, um sich auf die Widrigkeiten des Ausstiegs vorzubereiten. Im Bereich „Quit the Shit“ gibt es eine Menge Wissenswertes hierzu. Noch besser wäre es, sich fachkundig beim Ausstieg oder dem Reduzieren unterstützen zu lassen. Das Programm „Quit the Shit“ wurde speziell hierfür entwickelt.

Wer zunächst einmal wissen will, wie es um den eigenen Cannabiskonsum steht, der kann sich mit dem „Cannabis check“ testen. Alle Angebote auf „drugcom.de“ können anonym und kostenlos genutzt werden.

Quellen:

  • Rooke, S., Norberg, M. & Copeland, J. (2011). Successful and unsuccessful cannabis quitters: Comparing group characteristics and quitting strategies. Substance Abuse Treatment, Prevention, and Policy, 6:30. Artikel
  • Pabst, A., Piontek, D., Kraus, L. & Müller, S. (2010). Substanzkonsum und substanzbezogene Störungen. Sucht, 56 (5), 327-336. Artikel
  • Perkonigg, A., Pfister, H., Lieb, R., Bühringer, G. & Wittchen, H.-U. (2004). Problematischer Konsum illegaler Substanzen, Hilfesuchverhalten und Versorgungsangebote in einer Region. Suchtmed, 6 (1), 22-31. Artikel  
  • Tossmann, P., Jonas, B., Tensil, M.-D., Lang, P., Strüber, E. (2011). A Controlled Trial of an Internet-Based Intervention Program for Cannabis Users. Cyberpsychology, Behavior, and Social Networking, doi:10.1089/cyber.2010.0506. Artikel
Kommentare

Um Kommentare schreiben zu können, muss du dich anmelden oder registrieren.


Frühere Topthemen


Archiv früherer Topthemen