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Drugcom: Topthema: Angehörige besonders belastet

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Topthema

Angehörige besonders belastet

November 2014

Suchterkrankungen können schlimme Folgen haben für Betroffene. Dabei wird häufig vergessen, dass die Menschen aus dem sozialen Umfeld meist ebenfalls in Mitleidenschaft gezogen werden. Insbesondere Kinder und Jugendliche von suchterkrankten Eltern sind betroffen, aber auch Partnerinnen und Partner von Abhängigen.

Frau schreit und sieht sich mit beiden Händen Wollmütze über die Augen

Bild: sommerkind / photocase.com

„Abends habe ich mir immer vorgestellt, ich bringe ihn um - oder was auch immer Böses mir noch eingefallen ist, das ich ihm antun könnte. Dann, um zwei Uhr Nachts, habe ich gebetet, dass er bloß wieder heil nach Hause kommen möge. Ist das der Fall gewesen, war ich wieder in der Stimmung ihn umzubringen.“ So schildert die Frau eines alkoholabhängigen Ehemannes ihre zwiespältigen Gefühle.

Das Zitat stammt aus einem Artikel des britischen Psychologen Jim Orford. Gemeinsam mit weiteren Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern hat er die Situation der Angehörigen von Abhängigen untersucht. „Abhängigkeit in der Familie ist weltweit eine zentrale, aber häufig missachtete Ursache für den schlechten Gesundheitszustand von Erwachsenen“, schreibt das Forschungsteam in seinem Fachartikel.

Nicht nur Erwachsene leiden unter diesen schwierigen Umständen, vor allem die Kinder von Abhängigen sind betroffen. Forschungsarbeiten zu diesem Thema machen deutlich: Kinder und Jugendliche mit einem suchtkranken Elternteil sind in ihrer Entwicklung stark beeinträchtigt und haben ein hohes Risiko für psychische Störungen.

Acht Millionen Betroffene

In Deutschland sind rund 1,8 Millionen Menschen abhängig von Alkohol. Allein das ist schon eine enorme Zahl. Doch die Anzahl der Personen, die tatsächlich von der Alkoholabhängigkeit betroffen sind, liegt deutlich höher. Die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) geht von bis zu 8 Millionen Angehörigen aus, die in enger Gemeinschaft mit einem alkoholabhängigen Menschen leben, darunter etwa 2,65 Millionen Kinder. Hinzu kommen die Angehörigen von Menschen, die abhängig sind von illegalen Drogen, von Medikamenten oder die exzessiv Glücksspiel betreiben.

Doch während über die Gruppe der Konsumierenden vergleichsweise viel bekannt ist, gibt es über deren Angehörige relativ wenige Informationen. Denn die Angehörigen haben keine diagnostizierte Krankheit, keinen geregelten Kontakt mit dem Suchthilfesystem und sie werden in der Öffentlichkeit nur selten wahrgenommen. Zudem werden die Angehörigen - anders als die Abhängigen selbst - häufig nicht als hilfsbedürftig wahrgenommen.

Mangelnde Zurechnungsfähigkeit

Die Belastung der Angehörigen ist jedoch enorm. Jim Orford und sein Team haben in mehreren Ländern Interviews mit Angehörigen von Abhängigen geführt. Ein zentrales Ergebnis war, dass die Sorge um die Gesundheit des abhängigen Familienmitglieds den Angehörigen erheblichen Stress bereitet.

Belastung entsteht vor allem durch die mangelnde Zurechnungsfähigkeit des abhängigen Familienmitgliedes: Nicht selten tragen die Angehörigen die alleinige Verantwortung für das Wohlergehen der Familie. Sowohl in finanzieller Hinsicht als auch bezüglich des familiären Zusammenhalts. Denn in vielen Fällen treten durch das Suchtverhalten Konflikte in der Familie auf. Unzuverlässigkeit und aggressives Verhalten bis hin zu häuslicher Gewalt bestimmen das häusliche Klima.

Besonders Kinder und Jugendliche leiden unter dem oftmals unberechenbaren Verhalten des suchtkranken Elternteils. Suchtkranke Mütter und Väter haben nicht selten extreme Stimmungsschwankungen. Manchmal werden die Kinder übermäßig verwöhnt, dann wieder übermäßig bestraft. Dies führt zu einer stark ambivalenten Haltung der Kinder, die den suchtkranken Elternteil einerseits verachten, andererseits aber auch umsorgen. Nicht zuletzt erleben sie mehr Streit zwischen den Eltern als andere Kinder.

Folgeerkrankungen bei Angehörigen

Als wäre das nicht schlimm genug, geben sich manche Kinder auch noch selbst die Schuld am Suchtverhalten ihrer Eltern. Bei Kindern führen diese Umstände häufig zur Entwicklung eines negativen Selbstwertgefühls sowie zu Selbsthass und Schuldgefühlen.

Angesichts dieser Belastungen verwundert es nicht, dass Angehörige von Abhängigen häufig unter Depressionen, Angsterkrankungen sowie Schlaf- und Essstörungen leiden. Nicht selten greifen die Angehörigen schließlich selbst zu Medikamenten oder Drogen, um sich Entlastung zu verschaffen. Das Risiko einer Suchterkrankung ist für Kinder aus suchtbelasteten Familien bis zu sechsmal höher, verglichen mit Kindern aus Familien ohne Suchtproblematik.

Stigmatisierung durch Co-Abhängigkeit

Hinzu kommt, dass Angehörige von Abhängigen, insbesondere die Partnerinnen oder Mütter, oftmals mit dem Vorwurf konfrontiert werden, selbst eine Mitverantwortung für das Suchtverhalten des Partners oder des Kindes zu tragen. Ein Grund dafür ist das noch immer weit verbreitet Konzept der „Co-Abhängigkeit“.

Das Konzept basiert auf der Beobachtung, dass Angehörige das Konsumverhalten teils unbewusst unterstützen: Um Familie, Partnerschaft und Lebensumstände so gut wie möglich aufrechtzuerhalten, bemühen sie sich, jeglichen Schaden für den Abhängigen oder die Abhängige abzuwenden.

So meldet beispielsweise die Ehefrau den betrunkenen Ehemann bei der Arbeit krank, sagt familiäre Verabredungen mit Ausreden ab oder finanziert den Alkoholkonsum durch ihr eigenes Einkommen. Dieses Verhalten führt allerdings auch dazu, dass der Leidensdruck und die Motivation, das eigene Konsumverhalten zu ändern, bei dem Abhängigen abnehmen.

Das Erklärungsmodell der Co-Abhängigkeit ist allerdings stark umstritten. Wissenschaftliche Belege für die Existenz einer Co-Abhängigkeit gibt es nicht. Vor allem die Behauptung des Modells, die Angehörigen würden ihr geringes Selbstwertgefühl mit der Unterstützung und Kontrolle des Abhängigen kompensieren, stößt auf Widerspruch. Zudem bringt die Zuweisung einer Mitschuld den Angehörigen mehr Schaden als Nutzen. Expertinnen und Experten fordern deshalb eine Konzentration auf die gezielte Unterstützung der Angehörigen bei der Bewältigung der bestehenden Situation.

Resignation oder engagiertes Verhalten?

Doch wie gehen Angehörige am besten mit der Situation um? Das Suchtverhalten ignorieren und sich einfach mit der Situation abfinden? Oder den Konsum mit allen Mitteln unterbinden? In den Studien von Jim Orford und seinem Team zeigten die Angehörigen sehr unterschiedliche Strategien.

Ein Teil der befragten Angehörigen arrangierte sich tatsächlich mit der Situation, in dem der Konsum einfach akzeptiert wurde. Nach außen hin wird in diesen Fällen häufig „die Fassade bewahrt“. Das heißt, die Abhängigkeit wird nicht thematisiert, der Konsum eher unkritisch unterstützt. Andere Angehörige entziehen sich der Situation, in dem sie sich ablenken, ihren Hobbys nachgehen und Abstand zu der abhängigen Person aufbauen.

Viele Angehörige wollen sich jedoch mit der Situation nicht abfinden und gehen auf die eine oder andere Art aktiv mit dem Suchtverhalten um. Einige versuchen beispielsweise, mit aggressiven Methoden das Suchtverhalten zu unterbinden, machen dabei allerdings überwiegend schlechte Erfahrungen.

Schließlich gibt es auch Angehörige, die mit einer bestimmenden Herangehensweise versuchen, sich und ihren Bedürfnissen Geltung zu verschaffen, inakzeptables Verhalten des Abhängigen zu unterbinden und den Betroffenen darin zu unterstützten, den Konsum einzustellen.

Informationen und soziale Unterstützung helfen

Hilfreich sind in jedem Falle Informationen, die über die Entstehung und Aufrechterhaltung des süchtigen Verhaltens sowie über ihre eigene Rolle in diesem Prozess aufklären und Verhaltenstipps geben. In der Studie von Jim Orford sei vielen Angehörigen oftmals nicht bewusst gewesen, dass ihr eigenes Wohlbefinden eng mit der Suchterkrankung der nahestehenden Person zusammenhängt.

Auch die Unterstützung durch Außenstehende ist Angehörigen ein wichtiges Anliegen. Allerdings zögern viele Angehörige, offen mit dem Suchtproblem umzugehen und professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Insbesondere die Angst vor den Reaktionen des persönlichen Umfeldes hält viele Betroffenen davon ab. „Das geht nur die Familie etwas an“ oder „guten Eltern würde das nicht passieren“ sind häufig genannte Ängste der betroffenen Angehörigen.

Und tatsächlich ist der Umgang des sozialen Umfeldes mit der Abhängigkeit in einer Familie nicht immer einfach: „Manche Angehörige werden kritisiert, weil sie gegenüber dem Angehörigen angeblich zu hart sind - andere werden kritisiert, weil sie angeblich nicht streng genug reagieren“, schildern Orford und sein Team die Problematik.

Fazit

Das Suchtverhalten ist nicht nur für Abhängige selbst ein Problem. Innerhalb der Familie oder der Partnerschaft sind meist noch andere Menschen betroffen. Der durch die ständigen Sorgen ausgelöste Stress kann zu Folgeerkrankungen führen. Betroffene Angehörige sollten deswegen offen mit der Problematik umgehen und sich Unterstützung im sozialen Umfeld oder bei Fachkräften holen.

Professionelle Hilfe für Angehörige gibt es in den Drogen- und Suchtberatungsstellen vor Ort. Im Internet gibt es ebenfalls Anlaufstellen. Für Kinder und Jugendliche aus suchtbelasteten Familien bietet u.a. das Projekt NACOA Deutschland Information und Beratung, ELSA richtet sich an Eltern suchterkrankter Kinder.Darüber hinaus kann der drugcom-Chat von Angehörigen genutzt werden, um sich von den Beraterinnen und Beratern professionell unterstützen zu lassen.

Quellen:

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