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Drugcom: Topthema: Psychose vom Kiffen?

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Topthema

Psychose vom Kiffen?

April 2010

Hanfpflanze

Bild: www.pixelio.de / chris

„Macht kiffen verrückt“ ist eine der am häufigsten gestellten Fragen auf „drugcom.de“. Auch die Wissenschaft arbeitet mit Hochdruck an der Beantwortung dieser scheinbar einfachen Frage. Doch trotz zahlreicher und zum Teil sehr aufwändiger Studien konnte dies bislang nicht abschließend geklärt werden. Es kristallisiert sich jedoch heraus, dass Cannabis nicht die alleinige Ursache, wohl aber der sprichwörtliche Tropfen sein kann, der das Fass zum Überlaufen bringt. Im aktuellen topthema werden die neuesten Erkenntnisse hierzu zusammengefasst. Und was bedeutet dies für Konsumierende? Gibt es gar Früherkennungsmerkmale einer möglichen Psychose? Mehr dazu erläutert Frau Dr. med. Jockers-Scherübl, Expertin zum Thema Schizophrenie und Cannabis, im Interview.

Ramos* war einer von jenen, die mehr kifften, als ihnen gut tut. Er bekam Depressionen und hörte Stimmen, die nur er in seinem Kopf hörte. Nachdem er mehrere Besuche in der Psychiatrie hinter sich hatte, war ihm klar geworden, dass es so nicht mehr weiter gehen konnte und er beschloss, mit dem Kiffen aufzuhören. Die Gefahr einer Psychose sei beim ihm einfach zu groß, weshalb er das Programm „quit the shit“ zum Ausstieg nutzte.

Nicht allen Cannabiskonsumierenden ergeht es wie Ramos, aber viele dürften schon mal Erfahrungen gemacht haben, die einer Psychose nicht unähnlich sind, wie zum Beispiel heftige Angstsymptome nach dem Kiffen. Psychotische Symptome haben einschneidende Auswirkungen auf das Erleben der Betroffenen. Oft verschwinden die Symptome nach Abklingen der Wirkung wieder. Bleiben die Symptome aber auch nach längerer Zeit bestehen, so kann es sein, dass eine Schizophrenie vorliegt.

Schizophrenie wird eine besondere Form der Psychose genannt. Sie ist eine sehr ernsthafte psychische Erkrankung, die meist zwischen dem 15. und 35. Lebensjahr zum ersten Mal auftritt. Damit einher geht immer ein Realitätsverlust, der durch Wahnvorstellungen wie z. B. Verfolgungswahn und/oder Halluzinationen gekennzeichnet ist. Oftmals kapseln sich Betroffene vollständig von der Umwelt ab, manche begehen in ihrer Verzweifelung Selbstmord.

Schizophren vom Kiffen?

Sind nun alle Kiffer von einer Psychose oder gar von Schizophrenie bedroht? Die Frage mag überspitzt formuliert klingen, tatsächlich war und ist sie Gegenstand einer Vielzahl an Studien zum Ursache-Wirkungs-Zusammenhang bei Cannabiskonsum und Psychose. Denn es sind hier verschiedene Erklärungsmodelle denkbar: Der Cannabiskonsum alleine könnte die Ursache sein für den Ausbruch einer Psychose, die unter anderen Umständen nicht aufgetreten wäre. Dann müsste man von einer eigenständigen „Cannabispsychose“ sprechen. Ebenso ist denkbar, dass der Cannabiskonsum nur bei den Personen eine Psychose auslöst, die bereits anfällig hierfür sind. Cannabiskonsum wäre in diesen Fällen nicht die alleinige Ursache, sondern würde lediglich bewirken, dass die unterschwellig vorhandene Psychose zum Ausbruch kommt. Kiffen wäre also der sprichwörtliche Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. Möglich ist auch, dass psychosegefährdete Personen ein besonderes Faible für das Kiffen haben. Der Konsum wäre dann eher Folge als Ursache einer Psychose oder einfach nur ein Begleiterscheinung ohne ursächlichen Zusammenhang.

Klingt kompliziert, ist es auch. So hat auch die Wissenschaft noch keine eindeutige Antwort auf diese Fragen liefern können. In den aktuellen Studien zu diesem Thema kristallisiert sich allerdings eine Tendenz für die so genannte Trigger-Hypothese ab. Das heißt, Cannabiskonsum ist sehr wahrscheinlich nicht Verursacher, aber Auslöser (engl. trigger) einer Psychose, wenn die Personen anfällig sind für psychotische Erkrankungen. Zu diesem Schluss kommt beispielsweise ein Expertenteam aus Australien nach Durchsicht mehrerer Längsschnittstudien. Die Hypothese einer eigenständigen „Cannabispsychose“ kann das Autorenteam - Louisa Degenhardt und Wayne Hall - nicht bestätigen. Vielmehr würden in den Fällen, bei denen sich infolge von Cannabiskonsum eine dauerhafte Psychose etabliert hat, meist die Symptome einer Schizophrenie diagnostiziert.

Cannabis als eine Komponente im Psychose-Modell

Im drugcom-Interview erläutert Frau Dr. Jockers-Scherübl, Chefärztin der Psychiatrischen Klinik Hennigsdorf, dass man bei der Entstehung einer Schizophrenie vom so genannten Vulnerabilitäts-Stress-Model ausgeht. Demnach gibt es neben einer möglicherweise genetisch bedingten Anfälligkeit auch eine Reihe an erworbenen Stressoren wie bestimmte Kindheitserfahrungen oder Infektionen, Schwierigkeiten in der Familie, mit dem Partner oder dem Arbeitsplatz. „Da kann vieles zusammenkommen“, fasst Frau Dr. Jockers-Scherübl zusammen. „Mit diesen Faktoren kommt jemand leichter über die Psychoseschwelle. Und wenn jemand schon dicht davor ist und dann noch zusätzlich Cannabis konsumiert, dann kommt er leichter darüber. So kann Cannabis psychotische Erkrankungen oder auch Schizophrenien auslösen, und zwar umso wahrscheinlicher je empfindlicher jemand dafür ist.“

Portrait von Frau Dr. Jockers-Scherübl

Frau Dr. Jockers-Scherübl erläutert im Interview den Zusammenhang zwischen Cannabis und Psychose und erklärt, warum der frühe Einstieg so gefährlich ist. [zum Interview]

Ähnlich fasst es ein Team aus US-amerikanischen Forschern um Studienleiter Deepak D’Souza zusammen, die 2009 einen Übersichtsartikel veröffentlicht haben. Sie gehen davon aus, dass Cannabis lediglich eine Komponente im Geflecht möglicher Ursachen ist. Cannabis alleine sei weder hinreichend noch notwendig, um eine Psychose auszulösen. Oder anders ausgedrückt: Kiffen alleine macht noch nicht verrückt. Erst durch das Zusammenspiel mit anderen Komponenten werde Cannabis zum Auslöser von psychotischen Erkrankungen. Dafür spricht auch die Tatsache, dass von den etwa 9 Millionen Menschen, die in Deutschland schon mal Cannabis konsumiert haben, nur ein sehr kleiner Teil irgendwann in ihrem Leben eine Psychose entwickelt.

Wie hoch ist denn nun das Risiko, mag sich der eine oder die andere fragen? Ein britisches Forschungsteam um Stanley Zammit hat sich mit dieser Frage beschäftigt. Das Team hat hierzu eine Meta-Analyse durchgeführt, in der sie 35 Einzelstudien einbezogen. Meta-Analysen haben eine sehr viel stärkere Aussagekraft als Einzelstudien. Die Forscherinnen und Forscher kamen zu dem Ergebnis, dass Cannabiskonsumierende ein um 41 Prozent höheres Risiko für eine Psychose haben, als abstinente Personen. Dabei fanden sie zudem eine dosisabhängige Beziehung. Das bedeutet, je mehr eine Person kifft, desto höher ist ihr Risiko, zu erkranken. Dazu muss man aber auch wissen, dass das generelle Risiko, an einer Schizophrenie zu erkranken weltweit bei etwa 1 Prozent liegt. Aufgrund des generellen Erkrankungsrisikos ist demnach zu erwarten, dass von 10.000 Cannabiskonsumierenden etwa 100 an Schizophrenie erkranken, unabhängig vom Konsum. Durch den Konsum würde sich die Anzahl Erkrankter auf 141 erhöhen.

Was im Gehirn passiert

Als Erklärung für das erhöhte Psychoserisiko wird meist auf die biologische Wirkung von Cannabis im Gehirn verwiesen. So werden bestimmte Hirnbotenstoffe wie Dopamin, die bei der Ausbildung psychotischer Symptome eine Rolle spielen, durch Cannabis beeinflusst. Zudem bestehe der Verdacht, dass die körpereigenen Cannabinoidrezeptoren bei Schizophrenie und anderen psychotischen Erkrankungen beteiligt sind. Zumindest legen verschiedene Studienergebnisse diesen Schluss nahe. Dies müsse aber noch durch weitere Forschung abgesichert werden.

Leicht verschwommenes Cannabisblatt

Bild: www.pixelio.de / manwalk

Wer mehr über sein persönliches Psychose-Risiko erfahren will, kann dies mit dem „cannabis check“ herausfinden [zum Test]

Als ausreichend belegt gilt hingegen die Annahme, dass sich besonders der frühe Einstieg in das regelmäßige Kiffen negativ auf die Hirnentwicklung auswirkt. Denn das Gehirn vollzieht noch wichtige Entwicklungsschritte in der Pubertät. Es wird vermutet, dass die körpereigenen Endocannabinoide dabei eine wichtige Rolle spielen. Allerdings nur in bestimmten Hirnregionen und in zur Reifung erforderlichen Mengen. Wenn ein Jugendlicher kifft, wird das Gehirn mit Cannabinoiden jedoch regelrecht geflutet. Denn der Wirkstoff THC bindet an denselben Rezeptoren wie körpereigene Endocannabinoide. Durch das Überangebot und die daraus resultierende Überstimulation können sich möglicherweise Veränderungen abspielen, die sich zum einen negativ auf die kognitiven Leistungen auswirken können und zum anderen auch eine stärkere Anfälligkeit für Psychosen zur Folgen haben kann. Erst kürzlich wurde in einer Langzeitstudie ermittelt, dass frühe Einsteiger ein etwa doppelt so hohes Risiko haben, an Schizophrenie zu erkranken, wie abstinente Teenager.

Stärkeres Gras

In der wissenschaftlichen Literatur wird auch darauf hingewiesen, dass zunehmend stärkeres Cannabis auf den Markt kommt, vor allem wenn es aus so genannten Indooranlagen kommt. Darin werden bestimmte Cannabissorten gezielt gezüchtet, um den THC-Gehalt zu erhöhen. In einer Studie aus Großbritannien konnte nachgewiesen werden, dass nicht nur der THC-Gehalt mit der Züchtung steigt, sondern im Gegenzug auch der Anteil an Cannabidiol (CBD) abnimmt. Cannabidiol ist ein Abbauprodukt, das entsteht, wenn Cannabis längere Zeit gelagert oder erhitzt wird. Cannabidiol selbst hat keine psychoaktive Wirkung, es kann aber den Rausch, der durch THC erzeugt wird, abmildern und würde eine gewisse Schutzfunktion gegen psychotische Effekte mit sich bringen. Konsumierende fühlen sich dann eher entspannt bis schläfrig. Durch die Abwesenheit von Cannabidiol wird der Rausch deutlich intensiver und halluzinogener. Dies erhöhe nach Ansicht der Autoren das Psychoserisiko, da die Dosis - wie oben erläutert - hierbei eine Rolle spielt.

Fazit

Grundsätzlich müssen sich Cannabiskonsumentinnen und -konsumenten im Klaren sein, dass sie mit dem Kiffen ein höheres Risiko für eine Psychose haben, als abstinente Personen. Kiffer, die eine intensive Wirkung bevorzugen und dabei zudem auf hochpotentes Gras zurückgreifen, sind besonders gefährdet. Generell gilt: Je intensiver der Konsum desto höher das Risiko. Wer zudem bereits an Schizophrenie erkrankte Personen in der Familie hat oder gewisse psychoseähnliche Symptome bei sich entdeckt, sollte besser die Finger vom Kiffen lassen. Vorzeichen können sein: Das unbestimmte Gefühl, dass etwas Merkwürdiges mit einem passiert, das Gefühl, verfolgt zu werden oder die Erfahrung, dass die Gedanken rasen und nicht kontrolliert werden können. Wer diese Symptome bei sich feststellt muss nicht zwangsläufig psychotisch werden, um aber auf Nummer sicher zu gehen, sollte man in diesem Fall auf den Konsum verzichten oder ihn zumindest deutlich reduzieren.

*Name geändert


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