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Topthema

Ecstasy (MDMA) – eine Geschichte mit Umwegen

April 2011

Knapp ein Jahrhundert ist es her, dass MDMA (Abkürzung der chem. Bezeichnung: 3,4-Methylendioxy-N-methylamphetamin) patentiert wurde. Doch erst Jahrzehnte später soll es unter dem Namen „Ecstasy“ bekannt werden. Während andere synthetische Substanzen wie beispielsweise Amphetamine gezielt als Medikament entwickelt wurden, ist MDMA anders als lange vermutet eher beiläufig entstanden, um sofort wieder in der Versenkung zu verschwinden. Es war der US-amerikanische Chemiker Alexander Shulgin, der MDMA wieder ausgegraben, selbst konsumiert und schließlich einer größeren Öffentlichkeit bekannt gemacht hat. Zwei deutsche Forschungsteams haben tief in den Archiven gegraben und interessante Details über die Geschichte von MDMA ans Licht gebracht.

Buchstabe E auf schwarzem Hintergrund

Bild: fult / photocase.com

Lange Zeit wurde die Information verbreitet, MDMA sei als Appetitzügler entwickelt, aber nie vermarktet worden. Nachforschungen eines deutschen Forschungsteams konnte diese Information jedoch als Legende entlarven. Auf der Suche nach dem wahren Ursprung von MDMA haben sich Roland Freudenmann und Florian Öxler von der Universität Ulm tief in die internen Datenbanken des Pharma-Unternehmens Merck begeben. Nach über einem Jahr Recherche konnten sie mit Unterstützung einer Pharmakologin von Merck zahlreiche Dokumente identifizieren, aus denen sich die Geschichte von MDMA rekonstruieren ließ.

Von wegen Appetitzügler

Ein Patent, in dem MDMA erwähnt wird, lässt sich tatsächlich auf das Jahr 1912 datieren. Hinweise auf die Anwendung als Appetitzügler wurden jedoch nicht gefunden. Vielmehr stellte sich heraus, dass Merck auf der Suche nach einem alternativen Herstellungsweg für die blutstillende Substanz Hydrastinin war, um das hierfür bereits bestehende Patent zu umgehen. Vom damaligen „Kaiserlichen Patentamt“ wurden nicht Substanzen, sondern nur deren Herstellungsverfahren patentiert. Den Recherchen zufolge war MDMA somit nicht die patentierte Endsubstanz, sondern lediglich ein Zwischenprodukt zur Herstellung von Hydrastinin. Eine konkrete Anwendung von MDMA ist jedoch nicht dokumentiert.

Fragt sich, wie es eigentlich zu dem Mythos vom Appetitzügler kam? Eine Mitarbeiterin der Schweizer Forschungsgruppe um Franz Vollenweider und Alex Gamma hatte bereits 1998 bei Merck nachgefragt, ob ein spezieller Einsatzzweck für MDMA vorgesehen war. Das Unternehmen konnte nicht mehr rekonstruieren, zu welchem Zweck MDMA getestet wurde, Merck habe jedoch ausgeschlossen, dass MDMA als Appetitzügler untersucht wurde, da es zum damaligen Zeitpunkt noch gar keinen Markt für derartige Mittel gegeben habe. Letzteres „hätte einem cleveren Kopf unter uns sicher schon früher auffallen können“, kommentierte der Forscher Alex Gamma selbstkritisch in einem Newsletter der Website maps.org. Woher die Mär vom Appetitzügler stammt, bleibt unbekannt.

Die nächsten Hinweise auf MDMA finden sich erst wieder im Jahre 1927. Der Merck-Chemiker Max Oberlin hat damals vermutlich die ersten pharmakologischen Tests vorgenommen, jedoch ohne Versuche am Menschen. Auch er stellte die Forschung daran wieder ein, mit dem Vermerk, dass man die Substanz „im Auge behalten“ sollte.

Es dauerte ein Vierteljahrhundert, bis MDMA erneut in den Fokus der Wissenschaft rückte. Albert van Schoor, ein Merck-Chemiker unternahm toxikologische Experimente mit Fliegen. 1952 notierte er: „Nach 30 Minuten 6 Fliegen tot“. Welche Schlussfolgerungen der Chemiker daraus zog ist unbekannt, denn eine wissenschaftliche Publikation folgte daraus nicht.

Shulgins Selbstexperimente mit MDMA

In der 1960er Jahren kam schließlich der US-amerikanische Chemiker Alexander Shulgin ins Spiel. Die deutschen Forscher Udo Benzenhöfer und Torsten Passie haben sich detailliert mit der Rolle von Shulgin in der Geschichte von MDMA befasst und im Fachmagazin Addiction veröffentlicht. Grundlage ihrer Recherche waren von Shulgin selbst publizierte Texte sowie die mittlerweile im Internet verfügbaren handschriftlichen Labor-Notizbücher des Chemikers.

Shulgin war Angestellter des US-amerikanischen Unternehmens Dow Chemical als er begann, mit MDMA zu experimentieren. Das Unternehmen gewährte ihm, zu erforschen was immer er wolle, nachdem er eines der ersten biologisch abbaubaren Insektizide entwickelt hatte. Diese Freiheit hat Shulgin weidlich genutzt, indem er sich voll auf die Erforschung und Entwicklung neuer psychoaktiver Wirkstoffe konzentriert hat. Möglich war ihm das auch durch eine staatliche Lizenz, die ihm erlaubte, mit verbotenen Substanzen zu arbeiten („Schedule I drugs“).

In Shulgins Buch PIHKAL, ein Akronym für „Phenethylamins I have known and loved“, schreibt der Chemiker, dass er 1965 erstmals MDMA synthetisiert, aber nicht selbst genommen habe. Dies sei nach Meinung von Benzenhöfer und Passie doch etwas verwunderlich, da Shulgin bereits ab 1962 mit den verwandten Substanzen MMDA und MDA experimentierte und durch Selbstversuche deren psychoaktives Potential erforschte. Doch die deutschen Forscher konnten keine Indizien in Shulgins Aufzeichnungen finden, die seine Aussage aus PIHKAL widerlegen.

Alexander Shulgin

Alexander Shulgin, 2008 (Bild: Jon Hanna)

Hingegen fanden sie einen anderen interessanten Hinweis, aus einem Artikel von Shulgin, der 1997 veröffentlicht wurde. Darin hat Shulgin beschrieben, dass ein anderer Chemiker ihn so um 1970 kontaktiert habe mit der Bitte, ihm die Instruktionen zur Synthese von MDMA zukommen zu lassen. Der nicht näher genannte Chemiker habe seinerseits die Informationen an einen Psychologiestudenten weitergereicht. Das alles geschah wohlgemerkt zu einer Zeit, als MDMA noch nicht illegal war.

So geschah es denn, dass Shulgin - wenn es denn stimmt -nicht als erster Mensch MDMA eingenommen hat. Vielmehr erfuhr er durch andere von der fulminanten Wirkung. Eine dieser Personen wurde von ihm als „Merrie Kleinman“ genannt. Sie habe MDMA mit zwei Freunden zusammen genommen und ausgesprochen gute Erfahrungen damit gemacht.

Die nach Meinung Benzenhöfers und Passies zuverlässigste Quelle seien die Labornotizen Shulgins. Darin konnten sie in einem Vermerk, der etwa auf das Jahr 1976 datiert Einträge über eine Person namens „Flip“ finden. Die beiden Forscher spekulieren, dass es sich um den nicht näher benannten Chemiker handeln könnte, der Shulgin um Syntheseinstruktionen bat. „Flip“ hat den Aufzeichnungen zufolge systematisch ansteigende Dosierungen genommen, um deren Wirkung zu testen. Auf derselben Seite des Notizblocks - und damit vermutlich auch aus dem Jahr 1976 - hat Shulgin schließlich die ersten Selbstversuche mit MDMA dokumentiert, mit exakten Beschreibungen der subjektiv erlebten Wirkungen.

Über die Verbreitung von MDMA

Eine genaue Rekonstruktion wie sich MDMA verbreitet hat ist wahrscheinlich nicht möglich, Benzenhöfer und Passie heben allerdings die Veröffentlichungen von Shulgin und die Weitergabe an einen befreundeten Psychotherapeuten in den 1970er Jahren hervor. So hat Shulgin 1976 erstmals auf einer Fachkonferenz mit dem Titel „Die Psychopharmakologie von Halluzinogenen“ über MDMA berichtet. 1978 folgte die erste wissenschaftliche Publikation über die Wirkung am Menschen, die er zusammen mit dem Pharmakologen David Nichols schrieb. Nichols gilt zudem als Urheber der Bezeichnung „Entaktogene“.

Es folgten weitere Publikationen, in denen er auch die Synthese von MDMA beschrieb, die somit einer breiten Öffentlichkeit zugänglich geworden ist. Ein wichtiger Meilenstein in der Verbreitung von MDMA war aber vermutlich 1977 die Weitergabe an den damals bereits pensionierten Psychotherapeuten Leo Zeff. Benzenhöfer und Passie schreiben, dass Leo Zeff wohl so sehr von der Wirkung beeindruckt war, dass er trotz seines Ruhestands wieder anfing zu arbeiten und MDMA an zahlreiche Psychotherapeuten der experimentierfreudigen Therapie-Szene Kaliforniens weiterempfohlen hat. Die Droge wurde als „Heart-opener“ (Herzöffner) bezeichnet, weil es den Patientinnen und Patienten - mit Unterstützung der Therapeutin bzw. des Therapeuten - einen leichteren Zugang zu ihren Gefühlen und inneren Konflikten ermöglichte.

Fazit

In ihrem Fazit sprechen Benzenhöfer und Passie dem Chemiker Alexander Shulgin eine entscheidende Rolle in der Geschichte von MDMA zu. Die Wiederentdeckung gehe auf Shulgins Konto, ebenso die der Öffentlichkeit zugänglich gemachten Instruktionen zur Synthese der Droge. Shulgin selbst habe seine eigene Rolle bei der Wiederentdeckung in den ersten Veröffentlichungen aber eher klein gehalten, wohl um seine Privatsphäre zu schützen, vermuten die Autoren.


Quellen:


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