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Warum junge Menschen immer weniger Alkohol trinken

Mai 2020

Der Trend ist eindeutig. In Deutschland und vielen anderen wohlhabenden Ländern der Welt trinken Jugendliche immer weniger Alkohol. Warum ist das so?

Skater am Sliden

Das erste Glas Alkohol, der erste Rausch. Jugendliche erleben vieles zum ersten Mal. Und Alkohol scheint unweigerlich dazuzugehören. Fast alle heutigen Erwachsenen haben in ihrer Jugend die erste Alkoholerfahrungen gemacht, nur die wenigsten leben abstinent. Doch in der Jugend tut sich etwas. Seit Jahren zeichnet sich ein abwärts zeigender Trend beim Alkoholkonsum in der jüngeren Generation ab. Und immer mehr Jugendliche verzichten bewusst auf Alkohol.

Regelmäßig durchgeführte Befragungen der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung belegen den Trend. 1979 haben noch 66 Prozent der 18- bis 25-Jährigen angegeben, regelmäßig Alkohol zu trinken, also mindestens einmal pro Woche. Bis zum Jahr 2018 hat sich der Anteil der regelmäßig Trinkenden auf 33 Prozent halbiert. Bei den 12- bis 17-Jährigen ist der Anteil der Jugendlichen mit regelmäßigem Konsum von 25 auf 9 Prozent gesunken.

Weltweiter Trend

Diese Entwicklung ist kein rein deutsches Phänomen. In fast allen Ländern Europas ist ein abwärts zeigender Trend beim Alkoholkonsum junger Menschen festzustellen. Dies gilt auch für andere wohlhabende Länder wie den USA, Kanada oder Australien. Eine Reihe von Studien kommt zu dem Schluss, dass die junge Generation immer weniger Alkohol trinkt. Diese Entwicklung setzte insbesondere seit Anfang der 2000er Jahre ein. Was steckt dahinter?

Um es vorweg zu nehmen: Bislang wurde noch keine eindeutige Antwort darauf gefunden. Möglicherweise sind es mehrere Gründe, wie eine Interview-Studie mit jungen Menschen aus Schweden vermuten lässt. Studienleiter Jukka Törrönen und sein Team haben 24 Jugendliche im Alter zwischen 15 und 16 Jahren sowie 25 junge Erwachsene im Alter zwischen 18 und 19 Jahren zu ihren Freizeitaktivitäten und zu ihrem Umgang mit Alkohol interviewt. Die Befragten haben nach Angaben des Forschungsteams unterschiedliche familiäre und ethnische Hintergründe. Ein Teil der Befragten hatte Erfahrung mit Alkohol ein anderer Teil noch nicht.

Mehr elterliche Kontrolle

Einem Ergebnis zufolge scheinen die Eltern oder genauer gesagt scheint die elterliche Kontrolle einen wichtigen Einfluss auf das Freizeitverhalten junger Menschen zu haben. Nach Aussagen der Jugendlichen sind manche Eltern offenbar sehr strikt, was den Umgang mit Alkohol betrifft. Und nach eigenem Bekunden würden sich einige der Jugendlichen auch an die Vorgaben ihrer Eltern halten. „Meine Mutter hat zu mir gesagt, dass ich kein Alkohol trinken dürfe, bevor ich 18 Jahre alt bin. Ich denke, dass ich nichts gegen diese Regel habe“, sagt ein Mädchen aus der Gruppe der 15- bis 16-Jährigen.

Im Gegensatz zu früheren Generationen bleiben Jugendliche heutzutage häufig auch außerhalb der elterlichen Wohnung über das Handy in Kontakt zu ihren Eltern. Sophie aus der Gruppe der 18- bis 19-Jährigen erklärt: „Jedes Mal, wenn ich ausgehe, will meine Mutter wissen, wohin ich gehe, mit wem und was wir tun werden. Und dann sie folgt mir immer. Sie sendet mir SMS, um zu fragen ‚Ist alles in Ordnung?‘ und um zu sagen, dass ich nicht zu viel trinken soll.“

Andere Studien schließen ebenfalls nicht aus, dass sich in den letzten Jahren ein Wandel in der Qualität der Eltern-Kind-Beziehung abgezeichnet hat. Einiges deute darauf hin, dass das Verhältnis zwischen den Eltern und ihren jugendlichen Kindern weniger konfliktbeladen sei, als noch in früheren Generationen. Eltern würden mehr in Kontakt stehen zu ihren Kindern und auch mehr Zeit mit ihnen verbringen.

Auswirkungen der „digitalen Revolution“ auf den Alkoholkonsum

Die digitalen Medien haben nicht nur den Kontakt zwischen Eltern und Kindern verändert, sie haben vermutlich noch viel weitreichendere Auswirkungen. Von der „digitalen Revolution“ ist die Rede. Die aktuelle Generation der Teenager und jungen Erwachsenen ist die erste, die mit den allgegenwärtigen digitalen Medien aufwächst. Allerdings sei noch nicht klar, ob diese den Alkoholkonsum eher mindern oder fördern.

Auf der einen Seite üben beispielsweise Computerspiele eine große Faszination auf Jugendliche aus. Manche Jugendliche verbringen täglich viel Zeit vor dem PC oder der Spielekonsole. Zeit, in der sie sich nicht mit ihren Freunden treffen, zumindest nicht im realen Leben, wo sie gemeinsam Alkohol trinken könnten. Auf der anderen Seite gibt es Hinweise, dass junge Menschen vor allem bei der Nutzung von sozialen Netzwerken vermehrt Alkoholwerbung und positiven Darstellungen von Alkoholkonsum ausgesetzt sind, was ihren eigenen Alkoholkonsum fördern könnte.

Törrönen und sein Team vermuten, dass soziale Netzwerke wie Instagram oder Snapchat inzwischen einen derart großen Einfluss auf den Alltag von Heranwachsenden haben, dass sie neue soziale Mechanismen erzeugen, die den Alkoholkonsum betreffen.

Beispielsweise kann das öffentliche Teilen von Fotos, auf denen die abgebildeten Personen angetrunken sind, unangenehme Folgen haben, wie diese Jugendliche im Alter zwischen 15 und 16 Jahren zu berichten weiß: „Auf Partys verbreiten sich die Gerüchte sehr schnell über soziale Medien […]. Es gab ein Bild auf Instagram von mir, wie ich auf einem Tisch stehe und mit einer Wodkaflasche tanze. Ich habe sie geradezu umarmt. Ich war entsetzt. Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Ich nahm Kontakt zu der Person auf, die das Bild hochgeladen hatte, und bat sie: ‚Bitte lösche dieses Bild […] ich schäme mich dafür‘, und sie entfernte es.“

Eine andere befragte Jugendliche nannte die Sorge, dass ihre Eltern solche Fotos zu Gesicht bekommen könnten. Frühere Generation hätten diese Probleme nicht gehabt. Junge Menschen seien sich nach Einschätzung von Törrönen und seinem Team zunehmend der Gefahr bewusst, dass ihr Verhalten einer größeren Öffentlichkeit zugänglich werden könnte. Dies habe bei einigen der Befragten dazu geführt, dass sie darauf achten, sich beispielsweise auf Partys nicht so sehr gehen zu lassen.

Gesundheitstrends

Ebenso wie das Computerspielen eine neue Freizeitbeschäftigung darstellt, die zur Reduktion des Alkoholkonsums beitragen kann, so scheinen sich weitere alternative Lebensstile zu entwickeln, die in Konkurrenz treten zum Alkoholtrinken. Die von Törrönen und seinem Team interviewten jungen Menschen nannten eine Reihe anderer Aktivitäten, die ihnen wichtig sind und zu denen Alkoholkonsum nicht passen würde. So sei ein genereller Trend hin zu gesünderen Lebensweisen zu beobachten, bei denen junge Menschen darauf achten, was sie essen und trinken. „Ich denke, früher wusste man noch nicht so viel über die schädlichen Folgen von Alkoholkonsum […]. Heute weiß man viel mehr darüber und wie es deinen Körper beeinflusst“, hat eine junge Frau im Interview gesagt.

Körperliche Fitness und der Wunsch, gut auszusehen, mag den einen oder die andere dazu motivieren, sich beim Alkoholtrinken zurück zu halten. Manche Jugendlichen haben auch ambitionierte sportliche Ziele und verzichten bewusst auf Alkohol, um ihre körperliche Leistungsfähigkeit nicht zu schmälern. „Wenn du in irgendeiner Sportart richtig gut bist und vielleicht viele Wettkämpfe früh am Morgen oder am Tag hast [dann trinkst du nicht]“, erklärt ein Junge im Alter zwischen 18 und 19 Jahren.

Auch die geistige Leistungsfähigkeit scheint für einige junge Menschen wichtig zu sein. So sagt eine junge Frau aus der Gruppe der 18- bis 19-Jährigen: „Normalerweise trinken ich nicht [auf Partys], weil ich am nächsten Tag lernen muss. Ein Glas vielleicht, aber ich will kein Risiko eingehen. In der Woche und am Wochenende muss ich lernen […] Für mich war die Schule schon immer Nummer eins, und meine Eltern legen sehr viel Wert darauf, dass ich lerne und gute Noten kriege.“

Alkohol ist nicht mehr cool

Das Experimentieren mit Alkohol schien lange untrennbar mit dem Übergang vom Jugendlichen zum Erwachsenen verbunden zu sein. Die sozialen Mechanismen, die diesem Phänomen zugrunde liegen, würden sich nach Einschätzung von Törrönen und seinem Team gerade fundamental verändern. Alkoholtrinken habe seine „symbolische Kraft als Übergangsritual“, das den Eintritt in das Erwachsenenalter signalisiert, verloren. Mit anderen Worten: Alkoholtrinken ist nicht mehr so angesagt, wie vielleicht noch vor 30 Jahren.

Vielmehr gäbe es sogar eine Entwicklung, bei der es cool sei, kein Alkohol zu trinken. „Viele trinken jetzt weniger (...). Du weißt, dass Rauchen nicht cool ist, Trinken nicht cool ist, es ist genau umgekehrt. Wenn du nicht rauchst und trinkst, wirst du mehr akzeptiert. Weil klar ist, dass es schädlich ist für mich und für die Umwelt“, sagt eine 18- bis 19-Jährige im Interview.

Fazit

Die meisten Menschen machen als Jugendliche ihre ersten Erfahrungen mit Alkohol. Doch seit einigen Jahren zeichnet sich in vielen Ländern ein neuer Trend ab: Junge Menschen trinken immer weniger Alkohol, immer mehr verzichten bewusst. Über die Gründe für diese Entwicklung können Forscherinnen und Forscher bislang nur spekulieren.

Denkbar sei, dass sich das Verhältnis der Eltern zu ihren Kindern verändert hat und womöglich weniger konfliktbeladen ist, als dies noch in früheren Generationen der Fall war. Heutige Eltern würden zudem mehr darauf achten, dass ihre Kinder nicht zu sehr über die Stränge schlagen. Allgemeine Gesundheitstrends und die digitalen Medien, darunter besonders die sozialen Netzwerke könnten ebenfalls ihren Anteil daran haben, dass junge Menschen heute bewusster mit dem Thema Alkohol umgehen.

Alkoholtrinken habe womöglich nicht mehr den Stellenwert als Übergangsritual vom Jugendlichen zum Erwachsenen, wie noch in früheren Generationen. Bewusst kein Alkohol zu trinken könne auch cool sein.

 

Quellen:

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