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 HomeTopthema > Topthema vom Februar 2015

Topthema

Lässt Dauerkiffen die grauen Zellen schrumpfen?

Februar 2015

Was passiert bei chronischem Kiffen im Gehirn? Aktuelle Studien deuten auf Veränderungen in bestimmten Hirnregionen hin.

Graphische Darstellung von Neuronen mit teils aufleuchtenden Nervenbahnen

Bild: ktsimage / iStockphoto.com

Unser Gehirn produziert seinen eigenen Cannabis. Genau genommen sind es endogene, also körpereigene Cannabinoide. THC, der psychoaktive Wirkstoff der Cannabis-Pflanze, bindet an den gleichen Stellen im Gehirn wie endogene Cannabinoide. Während bei körpereigenen Prozessen jedoch nur kleine Menge endogener Cannabinoide produziert werden, wird das Gehirn beim Kiffen regelrecht mit THC geflutet. Manche Konsumierenden kiffen über Jahre täglich und führen ihrem Gehirn immer wieder THC zu. Ist das schädlich?

Zur Beantwortung dieser Frage werden in Studien häufig Tests mit Konsumierenden und Nicht-Konsumierenden durchgeführt, um die Leistungsfähigkeit ihres Gehirns zu überprüfen. Die bislang gewonnenen Ergebnisse zu den Langzeitfolgen des Cannabiskonsums waren jedoch nicht immer eindeutig. Während beispielsweise eine Studie feststellt, dass dauerhaftes Kiffen eine niedrigere Intelligenz zur Folge habe, gibt es eine andere Studie, der zufolge die Hirnleistung bei Dauerkiffern doch nicht vermindert sei. Studien, in denen so genannte bildgebende Verfahren wie die Magnetresonanztomographie (MRT) eingesetzt werden, ließen bislang ebenfalls keine klare Aussagen zu.

Hippocampus betroffen

Mehr Klarheit sollte eine zusammenfassende Begutachtung von 14 Einzelstudien schaffen. In der Meta-Analyse wurden die Hirnstrukturen von Kiffern und Nicht-Kiffern verglichen. Studienleiter Paolo Fusar-Poli und sein Team überprüften das Volumen des gesamten Gehirns sowie die Größe der Amygdala und des Hippocampus. Die Amygdala ist eine Hirnregion, die an der Verarbeitung von Angstgefühlen beteiligt ist. Der Hippocampus spielt eine wichtige Rolle bei der Gedächtnisbildung.

Tatsächlich deuten die Ergebnisse darauf hin, dass der Hippocampus bei den Cannabiskonsumierenden ein signifikant geringeres Volumen aufweist. Das Volumen der Amygdala war jedoch nicht von den Veränderungen betroffen.

Unterstützt wird das Ergebnis von einer kürzlich veröffentlichten Studie einer australischen Forschergruppe um Murat Yücel. Das Team vermaß die Hirnstrukturen von 15 männlichen Langzeit-Cannabiskonsumenten. Im Vergleich mit abstinenten Kontrollpersonen war auch in dieser Studie das Volumen des Hippocampus bei den Kiffern signifikant kleiner.

Weniger graue, mehr weiße Substanz

Mit der bloßen Bestimmung des Volumens bestimmter Hirnregionen wollte sich das Team um die Neuropsychologin Francesca Filbey nicht zufriedengeben. In ihrer Studie wurden daher gleich drei unterschiedliche MRT-Verfahren kombiniert. Neben dem Volumen konnte dadurch auch die Vernetzung innerhalb bestimmter Hirnregionen bestimmt werden. Dies war in früheren Studien nicht der Fall.

48 erwachsene Cannabiskonsumierende wurden untersucht. Im Schnitt kifften die Teilnehmenden schon seit 10 Jahren, bei einem durchschnittlichen Einstiegsalter von 18 Jahren. Als Vergleichsgruppe dienten 62 Personen, die nicht kiffen, die aber hinsichtlich der Merkmale Alter, Geschlecht, Alkohol- und Tabakgebrauch vergleichbar waren.

Anhand der Aufnahmen aus dem MRT wurde sichtbar, dass sich chronischer Gebrauch von Cannabis besonders auf die graue Substanz des sogenannten orbitofrontalen Kortex auswirkt. Die graue Substanz besteht hauptsächlich aus den Zellkörpern der Nervenzellen. Der orbitofrontale Kortex ist beteiligt an wichtigen Motivations- und Entscheidungsprozessen. Er ist als Belohnungszentrum außerdem eng mit dem Suchtverhalten verbunden. Zudem finden sich dort auch besonders viele Cannabinoid-Rezeptoren.

Die MRT-Bilder enthüllten, dass der orbitofrontale Kortex bei den Cannabiskonsumierenden ein signifikant geringeres Volumen an grauer Substanz aufwies als bei den abstinenten Vergleichspersonen. Das Gehirn hat auf den Rückgang der grauen Substanz aber anscheinend reagiert. Denn dort, wo weniger graue Substanz war, waren die Hirnareale stärker miteinander vernetzt. Die Vernetzung der Hirnareale erfolgt durch die sogenannte weiße Substanz. Das sind die „Verbindungskabel“ zwischen den Nervenzellen der grauen Substanz. Die verstärkte Vernetzung, auch Konnektivität genannt, war bei den Probandinnen und Probanden dann besonders stark ausgeprägt, wenn der Einstieg in den Cannabiskonsum vergleichsweise früh erfolgte.

Schlechtere Verdrahtung bei Dauerkonsum

Die verbesserte Verknüpfung der Hirnareale miteinander könnte erklären, warum der Verlust der grauen Substanz für die Betroffenen gar nicht unmittelbar spürbar wird. Das Gehirn gleicht dadurch womöglich den Verlust der grauen Substanz aus, was allerdings nicht von Dauer ist: „Bei längerem Gebrauch von Marihuana lässt die strukturelle Konnektivität bzw. die ‚Verdrahtung‘ des Gehirns wieder nach“, erläutert Francesca Filbey die Studienergebnisse.

Ob tatsächlich allein der dauerhafte Cannabisgebrauch für die beobachteten Veränderungen im Gehirn verantwortlich ist oder in wie weit auch biologische Faktoren wie zum Beispiel Vererbung eine Rolle spielen, kann im Rahmen der Studien nicht eindeutig nachgewiesen werden. Zumindest in der Studie von Francesca Filbey scheint der Verlust der grauen Substanz tatsächlich eng mit dem Cannabiskonsum zusammenzuhängen - und nicht etwa mit Wechselwirkungen zwischen verschiedenen Stoffen. Denn die Abnahme der grauen Substanz zeigte sich auch dann, wenn nur diejenigen Personen in die Analysen einbezogen wurden, die ausschließlich Marihuana und keine anderen Substanzen konsumierten.

Fazit

Der dauerhafte Gebrauch von Cannabis zieht offenbar komplexe Anpassungsprozesse im Gehirn nach sich. Beginn und Dauer des Konsums spielen hierbei auch eine Rolle. Die vorliegenden Befunde sprechen dafür, dass chronischer Cannabiskonsum zu strukturellen Veränderungen im Gehirn führen kann. Eine Reihe von Studien haben inzwischen auch zeigen können, dass vor allem ein früher Einstieg in den Cannabiskonsum das Risiko für anhaltende Hirnveränderungen und kognitive Einschränkungen erhöht.

Quellen:

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