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Drugcom: Topthema: Gestörte Entwicklung

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Topthema

Gestörte Entwicklung

Mai 2008

Querschnitt eines Gehirns in der Magnet-Resonanz-Tomographie

Querschnitt eines Gehirns in der Magnet-Resonanz-Tomographie
Bild: Monika Torloxen / www.pixelio.de

Das Glas Sekt zum Anstoßen, ein „Bierchen“ zum Feierabend oder ein guter Wein zum Essen - Alkohol ist ein fester Bestandteil unserer Alltagskultur und in Maßen getrunken ein weithin akzeptiertes Genussmittel. Doch wie schon der alte Paracelsus sagte: Die Dosis macht das Gift. Das gilt ganz besonders für junge Menschen, die sich noch in der Entwicklung befinden. Denn wer in jungen Jahren gerne mal ein paar Drinks zuviel hinter die Binde kippt, der muss mit konkreten Folgen für die Hirnentwicklung rechnen und wird als Erwachsener die Zeche dafür zahlen. Warum eigentlich? Was passiert dabei im Gehirn?

Das Gehirn befindet sich in einer ständigen Entwicklung. Doch die Reifung der grauen Zellen vollzieht sich nicht immer konstant. In der Kindheit nimmt zunächst die graue Masse des Gehirns zu. Als graue Masse wird die äußerste Hirnrinde, der Cortex, bezeichnet. Im Jugendalter und bei jungen Erwachsenen ist die graue Masse im Prinzip ausgereift, der Aufbau von Verschaltungen im Gehirn läuft in dieser Phase aber auf Hochtouren. Dabei werden zwischen den unterschiedlichen Zentren des Gehirns Kommunikationswege gebildet, also Nervenbahnen und Synapsen. Das Denken, Fühlen und die Koordination von Bewegungsabläufen müssen schließlich organisiert werden. Die Grundlage hierzu wird schon in der Kindheit gelegt, doch im Jugend- und frühen Erwachsenenalter gehen noch wichtige Entwicklungsprozesse im Gehirn vonstatten.

Hippocampus ist betroffen

Die Wissenschaft hat nun zeigen können, dass in dieser wichtigen Reifephase Alkoholkonsum mehr Schäden anrichtet, als bei Erwachsenen, deren graue Zellen weitestgehend organisiert sind. Besonders das Rauschtrinken gilt als riskant für die Gehirnentwicklung. Studien, in denen mit der hochauflösenden Magnet-Resonanz-Tomographie (siehe Bild) gearbeitet wurde, konnten zeigen, dass eine Region, die als Hippocampus bezeichnet wird, besonders betroffen ist. Es gibt zwei Hippocampi im Gehirn - einer links, einer rechts - und bei Jugendlichen, die intensiv Alkohol trinken, ist zumindest einer davon signifikant verkleinert.

Auswirkungen im Alltag

Was folgt daraus? Der Hippocampus trägt entscheidend dazu bei, dass Informationen vom Kurzzeit- in das Langzeitgedächtnis übergehen, sprich: Damit wir uns neu Erlerntes auch wirklich merken. Ist die Funktion des Hippocampus beeinträchtigt, kommt es zu Gedächtnisproblemen. Eben Gelerntes ist schon bald wieder vergessen. Dass sich die Folgen des Suffs bereits im Alltag junger Menschen bemerkbar machen können, hat eine britische Studie gezeigt. 17- bis 19-jährige Rauschtrinker mussten sich in einem Test mit abstinenten Gleichaltrigen messen. Die Tests wurden drei oder vier Tage nach dem letzten Alkoholkonsum durchgeführt, um sicherzugehen, dass sich kein Alkohol mehr im Körper befindet. Zunächst mussten die Jugendlichen selber einschätzen, wie oft sie im Alltag Dinge vergessen, die sie eigentlich vorhaben zu tun, wie zum Beispiel sich mit Freunden zu treffen. Anschließend wurde ihnen ein Video eines Einkaufstrips gezeigt. Zuvor hatten sie einige Minuten Zeit, sich ein paar Aufgaben zu merken, die mit bestimmten Szenen des Videofilms gekoppelt sind. Beispielsweise sollten sie sich merken, einem Freund eine SMS zu schicken, wenn die Filmprotagonisten ein bestimmtes Geschäft betreten.

Die Ergebnisse weisen zwar keine Unterschiede zwischen den beiden Untersuchungsgruppen auf, was die Selbsteinschätzung betrifft. Im Kontrast dazu stehen allerdings die Testergebnisse. Beim Video merkten sich die trinkenden Jugendlichen signifikant weniger. „Die Rauschtrinker erinnerten sich an bis zu einem Drittel weniger Aufgaben", sagt Thomas Heffernan, Leiter der Studie. Ob und wie sich die Gedächtnisprobleme im späteren Erwachsenenalter wieder zurückbilden ist unklar. Tierexperimente deuten allerdings darauf hin, dass Hirnschädigungen, die aufgrund von übermäßigem Alkoholkonsum in jungen Jahren erworben werden, von Dauer sind.

Akute Toleranz

Tierexperimente weisen zudem darauf hin, dass sich das jugendliche Gehirn aufgrund von Alkoholkonsum womöglich langsamer entwickelt. In einem Laborversuch untersuchten zwei Forscherinnen der Binghamton University in den USA wie sich Teenager-Ratten nach einer Alkoholinjektion verändern. Beobachtet wurde, dass die jugendlichen Nager nicht so stark betäubt waren wie erwachsene Tiere und dass sie weniger motorische Beeinträchtigungen aufwiesen. Außerdem fehlten den Ratten offensichtliche Anzeichen für eine Alkoholvergiftung. Was im ersten Moment gut klingt, muss aber mit einem hohen Preis erkauft werden.

Die Ursache für das, was die Autorinnen der Studie Elena Varlinskaya und Linda Spear „akute Toleranz“ nennen, ist eine Art Ausgleichsmechanismus. Das Gehirn der Ratten versucht, die durch Alkohol verursachten Beeinträchtigungen durch eine schnelle Anpassung wieder wett zu machen. Doch der Aufwand, den das Gehirn hierfür leisten muss, geht zu Ungunsten der allgemeinen Entwicklung des Gehirns. Kurz gesagt: Jugendliche können Alkohol besser vertragen, bezahlen dafür aber mit einer gebremsten Gehirnentwicklung.

Blackout als Warnsignal

Schon die bekannten Blackouts - Erinnerungslücken nach heftigen Trinkgelagen - können als ein Warnzeichen für bevorstehende Schäden am Hippocampus gewertet werden. Denn hier hat der Alkoholabusus offenbar bereits zu einem kurzfristigen Ausfall der Speicherung in das Langzeitgedächtnis geführt. Was gestern Abend war, ist im Vollrausch schlicht verloren gegangen.


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