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 HomeTopthema > Topthema vom Mai 2014

Topthema

Schlaflos im Entzug

Mai 2014

Kiffen entspannt. Noch mehr kiffen macht müde. Viele Konsumierende nutzen die Wirkung von Cannabis zum Einschlafen, manche täglich. Allerdings steigt damit auch das Risiko für eine Cannabisabhängigkeit - und Schlafstörungen im Entzug.

Junger Mann gähnt und stützt seinen Kopf mit der Hand

Bild: © istock.com / knape

Abhängigkeit von Cannabis? Gibt es das überhaupt? Manche glauben, dass man von Cannabis gar nicht abhängig werden kann. Richtig ist, dass die meisten Menschen, die Cannabis ausprobieren, keine Probleme entwickeln. Häufig wird der Konsum nach einer Weile wieder eingestellt. Ein Teil der Konsumierenden bleibt allerdings dauerhaft dabei. Insbesondere wenn der Konsum dazu genutzt wird, unangenehme Gefühle zu verdrängen, ist die Gefahr groß, die Kontrolle über den Konsum zu verlieren.

Kontrollverlust ist ein wesentliches Kriterium einer Abhängigkeit. Patrick, 22 Jahre, dachte zunächst auch, alles im Griff zu haben: „Ich habe immer gedacht, ich hab’s unter Kontrolle.“ Es sei ja nur Gras, „es ist ja nicht so was wie Heroin oder Kokain.“ Doch als er den Konsum einstellen wollte hat er gemerkt, dass das gar nicht so einfach ist. „Ich kann nicht mehr schlafen, wenn ich nicht konsumiere. Ich werde aggressiv, wenn ich nicht konsumiere. Ich kriege schwitzige Hände. Das sind halt alles so‘ne Anzeichen gewesen, wo ich mir dann schon selber gesagt habe‚ okay, du bist abhängig.“

Entzugserscheinungen

Was Patrick an sich beobachtet hat, sind Entzugserscheinungen, also Anzeichen einer körperlichen Abhängigkeit. Tatsächlich sind Entzugserscheinungen bei Cannabisabhängigkeit noch gar nicht so lange bekannt. So kommen die Autoren einer Expertise aus dem Jahre 1998 noch zu dem Schluss, dass bei Cannabis nur von einer psychischen Abhängigkeit gesprochen werden könne. Die Abhängigkeit sei „nicht primär aus den pharmakologischen Wirkungen der Droge zu erklären“.

Eine rein körperliche Drogenabhängigkeit ist vermutlich ohnehin sehr selten. In der Regel dürfte die psychische Abhängigkeit, die geprägt ist durch einen starken Wunsch nach der Wirkung der Droge, der körperlichen Abhängigkeit voraus gehen. Doch die Annahme, dass körperliche Entzugserscheinungen bei Cannabisabhängigen überhaupt keine Rolle spielen, dürfte spätestens seit einem wissenschaftlichen Übersichtsartikel aus dem Jahre 2004 der Vergangenheit angehören. Alan Budney und sein Team hatten die bisherigen Einzelstudien ausgewertet und sind zu dem Schluss gekommen, dass sich ein Entzugssyndrom bei manchen Cannabisabhängigen eindeutig nachweisen lässt und für viele Betroffene eine starke Belastung darstellt.

Besonders häufige Entzugserscheinungen sind ein reduzierter Appetit, Aggressionen, Angst, Nervosität, Unruhe und Schlafstörungen. Etwas weniger häufige Symptome sind Schüttelfrost, depressive Verstimmung, Magenschmerzen und allgemeines Unwohlsein, Zittern und Schwitzen. Aus Sicht der Autoren war allerdings noch nicht geklärt, in welchem Maße Entzugserscheinungen sich auf Ausstiegsversuche auswirken. Von anderen Abhängigkeitserkrankungen wie bei Alkohol oder Opiaten ist bekannt, dass Entzugserscheinungen sehr unangenehm sein können und die Betroffenen oft wieder zur Droge greifen, um sich Linderung zu verschaffen.

In einem aktuellen Übersichtsartikel weisen Kimberly Babson und Marcel Bonn-Miller daraufhin, dass auch bei Cannabisabhängigen die Rückfallquoten bei Ausstiegsversuchen hoch sind. Es sei daher wichtig, Mittel und Wege zu finden, die den Ausstiegserfolg erhöhen. Das Autorenteam hat sich bei seiner Recherche auf Schlafstörungen konzentriert, weil Cannabis den Schlaf-Wach-Rhythmus beeinflusst und bekannt sei, dass Schlafstörungen Einfluss haben auf den Ausstieg.

Rezeptoren im Hypothalamus

Cannabis entfaltet seine Wirkung, weil THC, der Hauptwirkstoff der Hanfpflanze, an Cannabinoidrezeptoren im Gehirn andockt. Dass der Mensch Rezeptoren für Cannabinoide im Gehirn hat, ist erst Ende der 1980er Jahre entdeckt worden. Seitdem identifizieren Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler immer mehr Körperfunktionen, die mit dem Cannabinoidsystem zusammenhängen.

Der Hypothalamus ist eine Hirnregion, die viele Cannabinoidrezeptoren aufweist und verschiedene Körperfunktionen beeinflusst, unter anderem Körpertemperatur, Hunger und Durst sowie den Schlaf-Wach-Rhythmus. Wird Cannabis konsumiert, bindet THC am Hypothalamus und fördert auf diesem Wege das Einschlafen. THC hat allerdings einen biphasischen Effekt. Geringe Dosen können durchaus als anregend wahrgenommen werden. Erst mit höherer Dosierung tritt die beruhigende Wirkung in den Vordergrund.

Kiffen zum Einschlafen

Babson und Bonn-Miller argumentieren, dass Cannabis oftmals ganz gezielt von Konsumierenden dazu benutzt wird, um das Einschlafen zu verbessern. Besonders jene Personen, die ohnehin unter psychischen Problemen leiden wie Depressionen, posttraumatischen Belastungsstörungen oder Ängsten würden die beruhigende Wirkung nutzen, um besser einschlafen zu können. In Befragungen hat sich gezeigt, dass etwa die Hälfte der Dauerkiffer Cannabis zum Einschlafen benutzen. Bei Konsumierenden, die unter einer Psychose leiden, nutzen sogar bis zu 70 Prozent die schlaffördernde Wirkung von Cannabis.

Allerdings entwickelt der Körper schnell eine Toleranz gegenüber der schlaffördernden Wirkung von Cannabis. Um die gleiche Wirkung zu erzielen, muss die Dosis erhöht werden. Dadurch erhöht sich das Risiko, eine Cannabisabhängigkeit zu entwickeln, die weitere Probleme nach sich zieht. Wer dann versucht, selbständig aus dem Kiffen auszusteigen, muss zwar nicht zwangsläufig Entzugserscheinungen bekommen, die Wahrscheinlichkeit ist aber hoch, dass der Entzug nicht ohne Folgen bleibt.

Schlafprobleme nach Entzug

In einer US-amerikanischen Studie ließen Karen Bolla und ihr Team 17 Cannabiskonsumierende in zwei aufeinanderfolgenden Nächten im Schlaflabor übernachten. Die Untersuchungspersonen im Alter zwischen 18 und 30 Jahren konsumierten im Schnitt seit 5 Jahren Cannabis, fast alle täglich. Zum Vergleich wurden 14 Kontrollpersonen herangezogen. Die Personen der Cannabisgruppe durften zwar in den Tagen vor der Untersuchung, aber nicht im Schlaflabor Cannabis konsumieren. Sie mussten also nüchtern zu Bett gehen.

Den Ergebnissen zufolge brauchten die Cannabiskonsumierenden länger zum Einschlafen, wachten nachts häufiger auf und hatten eine kürzere Schlafdauer sowie weniger Tiefschlafphasen als die Personen der Kontrollgruppe. Insgesamt war die Schlafqualität bei den Cannabiskonsumierenden deutlich vermindert.

Schlafprobleme sind jedoch nicht nur lästig, sie werden oft als sehr belastend empfunden und bergen das Risiko, dass der Konsum wieder aufgegriffen wird, um endlich wieder wie gewohnt einschlafen zu können. So zeigte sich in einer Studie mit 55 Cannabisabhängigen, die ohne professionelle Unterstützung aus dem Konsum aussteigen wollten, dass die Rückfallquote besonders dann hoch war, wenn die Personen von Schlafproblemen berichteten. Bereits am ersten Tag des Entzugs ist fast die Hälfte der Teilnehmer mit Schlafproblemen rückfällig geworden. Bei den Teilnehmern ohne Schlafprobleme waren es „nur“ 24 Prozent.

Sport gegen Entzugserscheinungen

Ein Wundermittel gegen Entzugserscheinungen gibt es nicht, aber Methoden, um besser damit umzugehen oder sie abzumildern. Neben der körperlichen Umstellung ist das Einschlafen vor allem auch „Kopfsache“. Bei sehr vielen Cannabiskonsumierenden hat sich ein abendliches Ritual entwickelt, das stark mit dem Kiffen verknüpft ist und dem Körper signalisiert, dass jetzt Zeit zum Schlafen ist. Daher ist es anfangs nicht leicht, ohne die „Blubber“ oder den Joint abends zur Ruhe zu kommen und einzuschlafen.

Wichtig ist es, tagsüber aktiv zu sein, sich abzulenken und zu bewegen. Insbesondere sportliche Aktivität ist ein gutes Mittel, um nicht nur den Kopf frei zu kriegen und fit zu bleiben. Studien zufolge hilft Sport auch im Entzug gegen das Craving. So wurde in einer Studie belegt, dass 30 Minuten Joggen pro Tag nicht nur den Suchtdruck, sondern auch den Konsum signifikant senkt. Die Beteiligten hatten innerhalb von einer Woche ihren Konsum auf die Hälfte reduziert - obwohl sie nicht einmal vorhatten aufzuhören.

Allerdings ist Sport auch nicht das Heilmittel. In einer Studie mit Cannabisabhängigen, die selbständig aussteigen wollten, waren die Rückfallquote bei den sportlich Aktiven anfänglich zwar niedriger als die der sportlich nicht aktiven Teilnehmer, nach etwa einer Woche gab es aber keinen Unterschied mehr. Beide Gruppen hatten den Ausstieg allerdings ohne professionelle Unterstützung in Angriff genommen.

Fazit

Der Ausstieg aus dem Cannabiskonsum kann mit körperlichen Entzugssymptomen verbunden sein. Wer das Kiffen dazu benutzt, um besser einzuschlafen, ist besonders gefährdet, im Entzug Schlafstörungen zu entwickeln. Diese können quälend sein und das Risiko für einen Rückfall erhöhen. Bewegung und ein aktiver Umgang mit Entzugssymptomen können helfen.

Wer Probleme damit hat, den Konsum zu reduzieren oder einzustellen, sollte am besten professionelle Hilfe in Anspruch nehmen, entweder in einer Beratungsstelle vor Ort oder online. Quit the Shit ist ein Onlineprogramm, das durch professionelle Beraterinnen und Berater betreut wird und kostenlos genutzt werden kann.

Quellen:

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