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Drugcom: Topthema - Interview mit Gouzoulis-Mayfrank zu Ecstasy

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topthema Interview

„Auch diese subtilen Effekte haben eine Auswirkung auf die Leistungsfähigkeit“

Prof. Gouzoulis-Mayfrank und Dr. Daumann

Prof. Gouzoulis-Mayfrank und Dr. Daumann

Die Erforschung des Amphetaminabkömmlings MDMA hat eine lange Geschichte. Seit die Substanz als illegale Droge unter dem Namen Ecstasy vor allem in der Partyszene populär wurde, konzentriert sich die Forschung vor allem auf mögliche hirnschädigende Folgen des Konsums. Euphrosyne Gouzoulis-Mayfrank und Jörg Daumann sind schon seit Jahren mit zahlreichen Veröffentlichungen in Fachzeitschriften auf diesem Gebiet aktiv. Im drugcom-Interview haben sie uns neue Erkenntnisse aus einer kürzlich abgeschlossenen Langzeitstudie verraten.

Drugcom: Bevor wir auf einzelne Studienergebnisse zu sprechen kommen, würde ich gerne den Begriff Neurotoxizität besser verstehen. Was heißt, etwas ist neurotoxisch?

Prof. Gouzoulis-Mayfrank: Es bedeutet, dass Nervenzellen geschädigt werden und zwar längerfristig.

Drugcom: Welche Zellschädigungen treten bei Ecstasy auf?

Prof. Gouzoulis-Mayfrank: Beim Konsum von Ecstasy werden so genannte serotonerge Zellen geschädigt, also Zellen, deren Überträgerstoff das Serotonin ist. Dabei werden bestimmte Teile der Zelle geschädigt, die Axone, das sind die Endigungen des langen Fortsatzes der Nervenzelle. Die Axone nehmen besonders intensiven Kontakt mit den Nachbarzellen auf.

Drugcom: Das bedeutet also, dass bei einer Schädigung kein Kontakt mehr zwischen den Zellen besteht?

Prof. Gouzoulis-Mayfrank: Ja, richtig. Nicht die gesamte Zelle geht zugrunde, sondern der Kontakt zu den anderen Zellen ist auf molekularer Basis beeinträchtigt.

Drugcom: In einer Studie aus Großbritannien - von Gabriel Rogers und Kollegen - kommen die Autoren zu dem Schluss, dass die Neurotoxizität von Ecstasy eher gering sei. Die Autoren zweifeln sogar an, ob die geringen Effekte überhaupt eine Auswirkung auf den Alltag der Konsumenten haben. Andere Studien hingegen vertreten die Ansicht, dass schon ein einmaliger Ecstasykonsum zu nachhaltigen Schäden führen kann. Wie muss man diese unterschiedlichen Ergebnisse einschätzen?

Dr. Daumann: Wir gehen davon aus, dass einmaliger Ecstasykonsum nicht zu neurotoxischen Störungen führt, dafür gibt es jedenfalls keine Belege. Wir wissen aber nicht, wie hoch die Dosis sein muss, damit es zu diesen Effekten kommt. Allerdings würde ich auch einer neurotoxischen Ungefährlichkeit von Ecstasy widersprechen. Bei den untersuchten Ecstasy-Konsumenten sehen wir, dass die Effekte nicht von einer Tablette herrühren, aber auch nicht 100 Tabletten nötig sind. Wir sehen in unseren Studien neurotoxische Störungen bei Personen, die über einen Zeitraum von einem Jahr etwa 15 bis 20 Tabletten zu sich genommen haben. Bei unseren Ergebnissen haben wir auch wichtige Variablen wie den Konsum von Cannabis, Alkohol, Amphetaminen oder Medikamenten ebenso berücksichtigt wie das Alltagsverhalten, also zum Beispiel das Schlafverhalten oder Essgewohnheiten.

Drugcom: Das Problem in Studien ist ja immer, dass man keinen ausschließlichen Ecstasy-Konsumenten hat, sondern Personen, die verschiedene Drogen in ihrem Leben konsumiert haben und unterschiedliche Voraussetzungen mitbringen. Wie sind Sie in ihrer aktuellen Studie mit diesem Problem umgegangen? Wie kann man eine Aussage darüber treffen, welche Effekte speziell die Droge Ecstasy macht?

Dr. Daumann: Zunächst einmal ist das so genannte Studiendesign wichtig: Meistens wird eine Querschnittsstudie durchgeführt, d. h. eine Gruppe von Konsumenten wird mit einer Kontrollgruppe verglichen, die in der Regel angeglichen ist in den Merkmalen Alter, Geschlecht, Bildung und anderen. Allerdings ist es wahrscheinlich, dass nicht nur der Konsum diese beiden Gruppen unterscheidet, sondern auch die Lebensführung wie Freizeit-, Ess- und Schlafgewohnheiten. Daher ist es gut, diese Variablen auch mit zu erheben. Ferner können wir nie sicher sein, ob die Unterschiede zwischen den Gruppen bereits vor dem Konsumbeginn bestanden haben. So kann es Eigenschaften bei Menschen geben, die sie eher davon abhalten oder eher dazu bringen, Drogen zu konsumieren.

Drugcom: Wie gehen Sie jetzt mit diesen Problemen um?

Dr. Daumann: Wir führen die weltweit zweite Prospektivstudie durch. Eine Prospektivstudie versucht, die Personen zu erreichen, bevor sie mit dem Konsum beginnen. Die erste Prospektivstudie, die so genannte NeXT-Studie (Netherlands XTC Toxicity) wurde in den Niederlanden durchgeführt. Dort wurden Cannabiskonsumenten in Coffeeshops rekrutiert, in der „Hoffnung“, dass ein bestimmter Anteil dieser Personen mit dem Konsum chemischer Substanzen beginnt. Das Problem - aus methodischer Sicht - war, dass letztendlich viel weniger Personen mit dem Konsum begonnen haben als vermutet. Und die, die begonnen haben, haben wenig konsumiert, im Mittel etwa 2 bis 3 Tabletten insgesamt. So konnten mit der Studie nur die Effekte des leichten beginnenden Konsums erfasst werden. Aus diesen Erfahrungen heraus haben wir uns für unsere Studie einen Kompromiss überlegt: Wir haben zum ersten Zeitpunkt Personen rekrutiert, die mit dem Konsum begonnen haben, aber nicht mehr als 5-mal, also am Anfang ihrer Konsumgeschichte stehen. Wir sehen zwei Vorteile: Erstens gehen wir davon aus, dass es noch keinen nachweisbaren Schaden gibt. Und zweitens vermuten wir, dass eine größere Zahl dieser Personen ihren Konsum tatsächlich weiterführt. Und diese Idee hat funktioniert. Die Datenerhebung ist gerade abgeschlossen und wir bereiten die Veröffentlichung vor.

Drugcom: Über welchen Zeitraum wurden die Personen untersucht?

Prof. Gouzoulis-Mayfrank: Über zwei Jahre. Es gab eine Nachuntersuchung nach einem Jahr und eine zweite nach zwei Jahren. Etwa die Hälfte der Gruppe hat einen deutlichen Konsum entwickelt. Allerdings gab es keinen schweren Konsum, sondern eher einen, den man als durchschnittlich bezeichnen könnte, also etwa jedes zweite Wochenende.

Dr. Daumann: Wir haben jene als regelmäßige Konsumenten eingestuft, die nach einem Jahr 15 oder mehr Tabletten eingenommen haben und nach einem weiteren Jahr insgesamt 30 Tabletten. Im Ergebnis sehen wir einen konstanten Effekt auf eine bestimmte Art des Gedächtnisses, nämlich des so genannten semantischen Gedächtnisses. Das ist in einem bestimmten Teil des Gehirns - im Hippocampus - lokalisiert. Wir haben einen speziellen Test angewendet, der sehr sensitiv reagiert, d. h. wenn der Hippocampus nicht optimal funktioniert, dann können wir das mit Hilfe dieses Tests ganz gut messen. Wenn wir nun unsere eben genannte Konsumentengruppe betrachten, so haben wir tatsächlich festgestellt, dass diese Gruppe in diesem Test nach einem Jahr schlechter geworden ist. Dabei muss man berücksichtigen, dass unsere Kontrollgruppe, die nicht konsumiert, in dem Test besser geworden ist. Das Besserwerden liegt daran, dass man für gewöhnlich einen Trainingseffekt hat. Also gibt es einen doppelten Effekt. Die Konsumentengruppe hat sich nicht nur nicht verbessert, sie hat sich sogar verschlechtert. Die Schere zwischen den Konsumenten und Nicht-Konsumenten klafft somit weiter auseinander, und das sogar bei den eher als moderat zu bezeichnenden Konsumeinheiten. Die Ergebnisse waren zudem statistisch kontrolliert durch die eben erwähnten anderen Faktoren wie Cannabis, Amphetamine, Alkohol, Lebensgewohnheiten usw.

Drugcom: Ihre Ergebnisse bestätigen also den lange existierenden Verdacht, dass Ecstasy gewisse Schäden nach sich zieht, die sie durch kognitive Tests überprüft haben?

Prof. Gouzoulis-Mayfrank: Genau. Man muss dazu sagen, dass es sich um einen indirekten Hinweis handelt, denn wir haben ja den Probanden nicht - wie im Tierversuch - in den Kopf geschaut. Aber es hat eine hohe Plausibilität, dass diese subtilen Veränderungen im kognitiven Bereich mit dem im Tierversuch nachgewiesenen neurotoxischem Potential zusammenhängen.

Drugcom: Haben die Ergebnisse eine Relevanz für die Konsumenten?

Prof. Gouzoulis-Mayfrank: Die Ergebnisse im Gruppenvergleich sind sehr subtil - und viele Konsumenten merken selbst auch keine Einschränkungen. Manche Konsumenten allerdings sind deutlich eingeschränkt und können das auch berichten.

Dr. Daumann: Es ist sicherlich so, dass eine bestimmte Reduktion der Gedächtnisleistung erzielen werden muss, damit man es subjektiv wahrnimmt. Zusätzlich muss man sich dies auch noch eingestehen. Wenn ich es merke, hat vermutlich schon eine erhebliche Reduktion der Gedächtnisleistung stattgefunden.

Prof. Gouzoulis-Mayfrank: Auch diese subtilen Effekte, die der Betroffene gar nicht wahrnimmt, haben eine Auswirkung auf die Leistungsfähigkeit. Es gibt auch die Befürchtung, dass solche subtilen Veränderungen ein Risikofaktor sind für eine Vorverlagerung oder Intensivierung normaler Altersprozesse. So können z. B. Demenzerkrankungen früher eintreten.

Dr. Daumann: Hintergrund ist, dass im Alter ohnehin bestimmte serotonerge Prozesse heruntergefahren werden. Als Faustregel gilt, dass pro Dekade, also nach jeweils zehn Jahren - sieben Prozent diese Systems heruntergefahren wird. Somit ist vorstellbar, dass Ecstasykonsumenten möglicherweise früher bestimmte Alterserkrankungen wie Demenz zeigen können.

Drugcom: Eine Frage, die für die Konsumenten unter den Lesern sicher von Interesse ist, ist die, ob die durch den Konsum erworbenen Störungen auch wieder weg gehen. In Tierstudien scheint es dafür ja Anzeichen zu geben. Gibt es Hinweise aus Untersuchungen am Menschen?

Prof. Gouzoulis-Mayfrank: Es gibt aus dem Bereich der Bildgebung [z. B. Positronen-Emissions-Tomographie] und dem Bereich der Kognition Daten. Im Bereich der Bildgebung gibt es tatsächlich Hinweise darauf, dass die Störungen reversibel sind. Im kognitiven Bereich hingegen ist keine Verbesserung nach Abstinenz zu verzeichnen.

Drugcom: Wenn sich in den bildgebenden Verfahren aber Verbesserungen abzeichnen, die sich in den kognitiven Leistungstests nicht niederschlagen, dann würde das eher dagegen sprechen, dass man kognitive Tests als Marker für Hirnschädigungen verwenden kann.

Prof. Gouzoulis-Mayfrank: Das ist tatsächlich eine Schwierigkeit in der Datenlage. Eine mögliche Erklärung ist, dass vielmehr die bildgebenden Verfahren kein guter Marker sind für Neurotoxizität, da sie nur funktionelle, d. h. kurzfristige Veränderungen abbilden. Wenn ich eine Substanz gebe, die auf der Ebene der Rezeptoren wirkt, dann reagieren die Zellen, indem sie ihre Aktivität hoch oder herunter regulieren. Das muss nicht unbedingt auf eine Neurotoxizität hinweisen. In der Bildgebung lässt sich nicht unterscheiden zwischen kurzfristigen funktionellen Veränderungen und permanenten toxischen Veränderungen.

Dr. Daumann: Wir haben dieselben eben erwähnten Probanden auch mit der funktionellen Magnetresonanztomographie untersucht, während sie unterschiedliche Tests machten, von denen einer den Hippocampus anspricht. Wir konnten dabei sehen, dass bei den Probanden, die diese leichten Gedächtniseinbußen haben, sich eine leicht veränderte Hirnaktivität im Hippocampus abbildet, die sogar in Zusammenhang steht mit der Dosis der Ecstasy-Einnahme. Das weist darauf hin, dass die Gedächtniseinspeicherung tatsächlich nachhaltig gestört wird.

Drugcom: Wenn ich es richtig verstehe, dann ist der Hippocampus eine Gehirnregion, die entscheidend mit dem Lernen verbunden ist. Hier passiert die Abspeicherung in das Langzeitgedächtnis. Insofern ist die Theorie stimmig, dass Ecstasy sich schädlich auf diese Hirnregion auswirkt, denn die Lerndefizite können Sie ja in Ihren Studien feststellen.

Prof. Gouzoulis-Mayfrank: Ja, Lerndefizite und eine veränderte Arbeitsweise des Hippocampus beim Lernen. Um noch einmal auf die Dosis und damit auf ein wichtiges Ergebnis zurück zu kommen: Wir finden keine Hinweise, dass bereits eine Pille eine Schädigung nach sich zieht. Aber wir stellen fest, dass bereits ein moderater Konsum über einen längeren Zeitraum - also etwa 30 bis 40 Tabletten über 2 Jahre - zu diesen Lerndefiziten führt. Und es gibt ja Konsumenten, die deutlich mehr konsumieren.

Drugcom: Wenn ich das mal zusammenfasse: Die bisherige Forschungslage aus ihrer Studie deutet darauf hin, dass es eine Neurotoxizität gibt, die sich auch in den kognitiven Funktionen in Form von Gedächtnisproblemen äußert. Man findet auch eine Dosis-Wirkung-Beziehung, also je mehr jemand konsumiert, umso schwerwiegender sind die Probleme.

Prof. Gouzoulis-Mayfrank: Richtig. Es gibt noch einen zweiten möglichen Mechanismus der zu Hirnschäden führt. Der eine Mechanismus bei Ecstasy erfolgt direkt - wie oben beschrieben - über eine Schädigung der serotonergen Nervenzellen auf molekularer Basis. Ein zweiter Mechanismus könnte darin bestehen, dass Ecstasy zu einer Minderdurchblutung des Gehirns führt, weil der Botenstoff Serotonin auch an der Regulierung der Gefäßweite beteiligt ist.

Dr. Daumann: Es gibt sogar noch einen dritten Mechanismus, wie Ecstasy das Gehirn schädigen kann. Der Hippocampus ist die einzige Region im Gehirn, in der neue Zellen gebildet werden. Man spricht von der so genannten Neurogenese. Die Neurogenese ist sehr wichtig für die Entwicklung von langfristigen Gedächtnisinhalten. Die Neurogenese wird stark reguliert durch Serotonin. Das heißt, durch die Störung des Serotoninsystems kann es zu einer verminderten Neurogenese kommen, die wiederum eine verminderte Gedächtnisleistung zur Folge hat.

Drugcom: Gibt es denn noch weitere Bereiche, die vom Ecstasykonsum betroffen sein könnten - ich denke da zum Beispiel an Depressivität, Ängstlichkeit?

Prof. Gouzoulis-Mayfrank: Es gibt verschiedene Bereiche, die betroffen sein können - theoretisch. Das serotonerge System ist an vielen funktionellen Regelkreisen beteiligt. Tatsächlich ist das psychische Befinden ein wichtiger Bereich. Allerdings zeigen weder unsere noch andere Untersuchungen einen solch deutlichen Zusammenhang wie mit dem kognitiven Bereich. Nur im Bereich der Kognition zeigen sich konsistente Ergebnisse, die sich über viele unserer Untersuchungen verfestigt haben. Als Quintessenz bzw. als Message an die Konsumenten würde ich gern sagen, dass der Konsum einer Pille Ecstasy sicherlich nicht sofort dumm macht - das geben die Daten nicht her - aber dass die Folgen auch des gelegentlichen Konsums von Ecstasy nicht zu unterschätzen sind.

Drugcom: Vielen Dank für das Interview.

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