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Kann Zucker süchtig machen?

Juni 2026

Wir müssen essen und trinken, um zu leben. Doch zweifelsohne nehmen wir dabei manchmal mehr Kalorien zu uns, als wir brauchen. Zucker scheint hierbei eine besondere Rolle zu spielen. Kann man womöglich süchtig werden von Zucker? In der Forschung wird kontrovers darüber diskutiert.
 

Ein Glas mit Zuckerwürfeln gefüllt vor hellblauem Hintergrund

Bild: neirfy / iStock.com

Die Zuckerabgabe kommt. Die Bundesregierung plant, eine Abgabe auf gesüßte Erfrischungsgetränke zu erheben, voraussichtlich ab 2028. Die Abgabe hat zum Ziel, den täglichen Zuckerkonsum zu reduzieren. Denn über gesüßte Getränke nehmen wir besonders viel Zucker zu uns. Nach Angaben von Foodwatch belegt Deutschland den Spitzenplatz unter den westeuropäischen Ländern, wenn es um den Konsum von gezuckerten Softdrinks geht.

Die Folgen sind ein erhöhtes Risiko für eine Reihe von Krankheiten wie Typ-2-Diabetes, Bluthochdruck und Herz-Kreislauferkrankungen. Vor allem aber steigt das Risiko für Übergewicht, das inzwischen weltweit zum Problem geworden ist. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat sich der Anteil der stark übergewichtigen erwachsenen Weltbevölkerung seit 1990 verdoppelt. Der Anteil übergewichtiger Jugendlicher hat sich sogar vervierfacht. 

Gründe für die Zunahme von Übergewicht

Der Hauptgrund für Übergewicht dürfte in den meisten Fällen eine unausgeglichene Energiebilanz sein. Wer mehr Kalorien zu sich nimmt, als durch körperliche Aktivität verbrannt wird, nimmt in der Regel zu. Doch warum ist die Energiebilanz der Menschen ausgerechnet in den letzten Jahrzehnten so aus dem Ruder geraten? Ein Forschungsteam um Studienleiter Pedro Rada hat die derzeit etablierten Theorien zu diesem Thema in einer Übersichtsarbeit zusammengetragen. Demnach gibt es im Wesentlichen zwei Theorien: 

  • Theorie 1 geht davon aus, dass vor allem ein inaktiver Lebensstil verantwortlich ist für die Zunahme von Übergewicht in der Bevölkerung. Demzufolge gibt es einen direkten Zusammenhang zwischen körperlicher Inaktivität und der Verbreitung des Fernsehens, dem Gebrauch von Computern und Smartphones sowie der Nutzung von Transportmitteln wie dem Auto.
  • Theorie 2 zufolge liege die Ursache für den Kalorienüberschuss eher in der verstärkten Verfügbarkeit von günstigen und zumeist industriell verarbeiteten Lebensmitteln. So habe sich die Ernährung in den letzten Jahrzehnten gewandelt. Statt selbst zu kochen, würden die Menschen immer häufiger Fertiglebensmittel essen. Lebensmittelkonzerne würden jedes Jahr tausende von neu konzipierten Nahrungsprodukten auf den Markt bringen. Durch den Zusatz von raffiniertem Zucker und Fett würden sich die industriell hergestellten Produkte im Vergleich zu unverarbeiteten Lebensmitteln aber oftmals durch eine höhere Energiedichte auszeichnen, enthalten also vergleichsweise viele Kalorien.

Evolutionäres Erbe erklärt Vorliebe für hochkalorische Nahrung

Rado und sein Team weisen darauf hin, dass auch unser evolutionäres Erbe aus der Zeit der Jäger und Sammler bedacht werden müsse. Denn es beeinflusst unser Essverhalten bis heute. Über Tausende von Jahren mussten sich die Menschen mit einer unsicheren Nahrungsversorgung arrangieren. Das Anlegen von Körperfett war vermutlich eine überlebensnotwendige Strategie des Menschen, um sich vor zukünftigen Hungersnöten zu wappnen. Lange Zeit dürfte es daher von Vorteil gewesen sein, süße Pflanzen möglichst schnell und in großer Menge zu verspeisen, bevor jemand anderes es tut. Denn besonders zuckerhaltige Angebote sind in der Natur eher selten anzutreffen. 

„Obwohl sich der Mensch kulturell und technologisch weiterentwickelt hat, hat sich unser Genom in den letzten 10.000 Jahren kaum verändert.“ (Wiss et al., 2018)

In der heutigen Zeit sieht die Situation jedoch ganz anders aus. Vor allem in den Industrieländern gibt es keinen Mangel an ausreichender Nahrung. Im Gegenteil. Wir leben in einer Zeit des Überangebots. Die menschliche Vorliebe für hochkalorische Nahrung funktioniert allerdings immer noch. Heute sind es dann eher Backwaren statt Beeren. Aber ist es zulässig, Zucker als ein Suchtmittel zu bezeichnen und ihn mehr oder weniger gleichzusetzen mit Drogen wie Cannabis oder Kokain?

Zucker aktiviert das Belohnungssystem

Studien zufolge können schmackhafte Speisen das Belohnungssystem in unserem Gehirn ähnlich aktivieren wie Drogen. Der Hirnbotenstoff Dopamin spielt hierbei eine wichtige Rolle, da er positive Gefühle auslösen kann. Bildgebende Verfahren haben Hinweise dafür geliefert, dass die Rezeptoren für Dopamin bei übergewichtigen Menschen weniger sensibel reagieren. Diese Personen könnten daher dazu neigen, mehr und vor allem zuckerhaltige Lebensmittel zu essen, um die geringere Sensibilität für Dopamin auszugleichen.

Allerdings wirken Nahrungsmittel anders auf das Dopaminsystem als Drogen. Essen kann zwar die Dopaminausschüttung anregen, diese nimmt aber während des Essens ab. Gleichzeitig nimmt die Konzentration des Botenstoffs Acetylcholin zu, was uns Sättigung vermittelt. Drogen regen hingegen nicht nur die Dopaminausschüttung an, sie können zudem die Wiederaufnahme von Dopamin blockieren. Dies führt zu einer besonders starken und langanhaltenden Signalübertragung, was euphorische Gefühle bei den Konsumierenden auslösen kann.

Tierexperimente liefern Hinweise für Zucker als Suchtstoff

Dennoch stellt sich die Frage, ob speziell Zucker nicht doch als Suchtstoff bezeichnet werden kann. Auch wenn sich keine Euphorie beim Konsum gezuckerter Nahrungsmittel einstellt, haben wir Menschen doch zweifelsohne eine Vorliebe für Zucker. 

Während im Volksmund gerne von einer Sucht gesprochen wird, wenn wir etwas besonders gerne tun und nur schwer die Finger davon lassen können, müssen im medizinischen Sinne bestimmte Kriterien erfüllt sein. Welche genau, dass wird in den offiziellen Diagnosesystemen DSM-5 oder ICD-10 definiert. Genau genommen wird dann nicht von einer Sucht, sondern von einer Abhängigkeit oder Substanzgebrauchsstörung gesprochen.

Es gibt eine Reihe von Tierexperimenten, in denen getestet wurde, welche Kriterien für eine Abhängigkeit bei Zucker zutreffend sind. In den Experimenten wurden meist Ratten oder Mäuse darauf trainiert Zuckerlösungen zu trinken. Dabei konnte festgestellt werden, dass unter bestimmten Bedingungen tatsächlich einige Abhängigkeitskriterien zuzutreffen scheinen. So konnte gezeigt werden, dass die Tiere in den Versuchen dazu neigen, ihren Zuckerkonsum zu steigern, was für eine Toleranzentwicklung spricht. 

Belege für eine Substanzgebrauchsstörung durch Zucker

Ein wichtiger Aspekt abhängigen Verhaltens ist der fortgesetzte Konsum trotz schädlicher Folgen. Beispielsweise hatten Mäuse in einem Experiment eine Schwäche für Schokolade entwickelt und behielten diese Vorliebe auch dann noch bei, wenn sie Elektroschocks dafür in Kauf nehmen mussten. Insgesamt fanden sich Belege für fünf von elf Kriterien, die im DSM-5 eine Substanzgebrauchsstörung kennzeichnen. Diese umfassen Kontrollverlust, Craving, Konsum trotz schädlicher Folgen, Toleranzentwicklung und Entzugssymptome.

Rada und sein Team halten die Existenz einer Zuckersucht daher für wahrscheinlich. Aus evolutionärer Sicht sei eine Vorliebe für zuckerhaltige Nahrungsmittel auch sinnvoll. Der Instinkt für Süßes sei nur in der heutigen Zeit leider nicht mehr funktional und würde zu gesundheitsschädlichem Übergewicht führen. 

Zweifel an der Aussagekraft von Tierexperimenten

Allerdings gibt es auch skeptische Stimmen in der Fachwelt. In einer anderen wissenschaftlichen Übersichtsarbeit zum Thema Zuckersucht argumentiert ein Forschungsteam um Studienleiter Hisham Ziauddeen von der University of Cambridge, dass die Tierexperimente meist nur unter sehr speziellen Bedingungen süchtiges Verhalten nachweisen konnten.

Nur im Rahmen von so genannten intermittierenden Versuchsbedingungen, bei denen die Tiere lediglich innerhalb bestimmter zeitlicher Intervalle Zugang zu Zucker haben, zeige ihr Verhalten suchtähnliche Züge. Haben die Tiere dauerhaft freien Zugang, sei keine Suchtentwicklung erkennbar. Werde den Tieren hingegen eine klassische Droge wie Kokain geboten, reiche es, die Substanz zur freien Verfügung bereitzustellen, um süchtiges Verhalten bei den Tieren auszulösen. 

Kritisiert wurde auch, dass für die Versuche nur solche Tiere verwendet wurden, bei denen zuvor getestet wurde, dass sie auf Süßes reagieren. Studien zum Suchtpotential von Drogen werden für gewöhnlich jedoch mit Tieren durchgeführt, die zuvor keinerlei Erfahrung mit Drogen haben.

Sucht nach bestimmten Nahrungsmitteln statt Zuckersucht?

Ziauddeen und sein Team erklären, dass es bislang nur wenige Studien mit Menschen zum Thema Zucker gibt. In der Regel würden Menschen auch keinen Zucker in Reinform essen. Die meisten Studien würden sich mehr auf eine Sucht nach bestimmten Nahrungsmitteln beziehen, die im englischen als Food Addiction bezeichnet wird. In diesem Zusammenhang wurde mit der Yale Food Addiction Scale (YFAS) ein spezieller Test entwickelt, der sich an den Kriterien des DSM-5 orientiert. 

Der Test bezieht sich nicht nur auf süße Nahrungsmittel wie Eiscreme, Schokolade und gesüßte Limonaden, sondern auch auf salzige Snacks wie Chips und Cracker, fettige Lebensmittel wie Pommes Frites oder stärkehaltige Produkte wie Weißbrot und Pasta. Allerdings sei noch umstritten, ob mit der Yale Food Addiction Scale tatsächlich eine Sucht nach bestimmten Nahrungsmitteln erfasst wird oder nicht doch andere Essstörungen wie Bulimie oder eine Binge-Eating-Störung.

Wissenschaftliche Basis für „Zuckersucht“ wird als zu dünn bezeichnet

Generell müsse nach Einschätzung von Ziauddeen und seinem Team davon ausgegangen werden, dass Übergewicht in der Bevölkerung ein vielschichtiges Problem sei. Zucker als Hauptursache hierfür verantwortlich zu machen sei zu eng gefasst. Es gäbe zwar viele gute Gründe, den Zuckerkonsum zu reduzieren, aber die wissenschaftliche Basis für eine Zuckersucht sei noch zu dünn.

Zu einer ähnlichen Schlussfolgerung kommen Danielle Greenberg und John St. Peter in einem aktuellen Fachartikel. Aus ihrer Sicht sei es hilfreicher, vom belohnenden Charakter bestimmter Lebensmittel zu sprechen. Diese würden bei der Entwicklung von Übergewicht zwar eine wichtige Rolle spielen, aber nicht gänzlich erklären. Übergewicht sei vielmehr ein multifaktorielles Phänomen. Die Vorliebe für Zucker als Sucht zu bezeichnen, greife zu kurz. 

„Ein Suchtmodell, das sich speziell auf bestimmte Nährstoffe wie Zucker oder Reize wie dem süßen Geschmack konzentriert und dann empfiehlt, diese Lebensmittel zu meiden, dürfte keine sinnvolle Strategie sein, um die derzeitigen Raten von Übergewicht und Adipositas zu bekämpfen.“ (Greenberg & St. Peter, 2021) 

Fazit

In den letzten Jahrzehnten ist der Anteil übergewichtiger Menschen weltweit vergleichsweise stark gestiegen. Als Ursachen werden sowohl eine abnehmende körperliche Aktivität der Menschen als auch die zunehmende Verbreitung industriell verarbeiteter Lebensmittel genannt. Insbesondere die Vorliebe für gezuckerte Lebensmittel könne dabei eine Rolle spielen. Zucker würde das Belohnungssystem ähnlich aktivieren wie Drogen. So konnte in Tierstudien unter bestimmten Bedingungen nachgewiesen werden, dass Ratten und Mäuse ein süchtiges Verhalten an den Tag legen, wenn sie Zugang zu Zucker haben. 

Kritische Stimmen weisen aber darauf hin, dass Drogen eine viel stärkere Wirkung auf das Belohnungssystem haben und auch keinem Sättigungsprinzip unterliegen. Auch wenn die Vorliebe für zuckerhaltige Nahrungsmittel im Volksmund gerne als Sucht bezeichnet wird, sei die Datenlage aus wissenschaftlicher Sicht noch viel zu dünn, um Zucker tatsächlich als suchterzeugend bezeichnen zu können. Allerdings sind auch die kritischen Stimmen davon überzeugt, dass es gesünder ist, sich beim Konsum von Zucker zu mäßigen oder Wasser statt Softdrinks zu trinken.

Quellen:

Erste Veröffentlichung März 2019

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