Fliegenpilz-Pantherpilz-Syndrom
Psychoaktive Wirkstoffe von Fliegenpilz und Pantherpilz
Das Fliegenpilz-Pantherpilz-Syndrom ist ein Vergiftungssyndrom, das nach dem Verzehr von Fliegenpilz (Amanita muscaria) oder Pantherpilz (Amanita pantherina) auftreten kann. Beide Pilzarten enthalten die psychoaktiven Substanzen Muscimol und Ibotensäure.
Diese ähneln in ihrem Aufbau den Botenstoffen Glutamat und GABA und können an deren Rezeptoren im Gehirn binden. Beide Substanzen können die Blut-Hirn-Schranke leicht überwinden und entfalten dadurch ihre Wirkung vor allem im zentralen Nervensystem.
Während der Fliegenpilz aufgrund seines auffälligen roten Huts und den weißen Tupfen praktisch nicht mit anderen Pilzen verwechselt werden kann und eine Vergiftung daher meist auf bewussten Konsum zurückgeht, weist der Pantherpilz eine Ähnlichkeit mit essbaren Pilzen wie dem Perlpilz (Amanita rubescens) oder dem Grauen Wulstling (Amanita spissa) auf. Ein Rausch kann daher auch durch Verwechselung mit Speisepilzen verursacht werden.
Eintritt und Dauer der Wirkung
Werden Fliegenpilze oder Pantherpilze gegessen, tritt die Wirkung in der Regel innerhalb von 30 Minuten bis zwei Stunden ein und dauert etwa vier bis acht Stunden.
Art der Wirkung
Fliegen- und Pantherpilze produzieren eine alkoholähnliche Wirkung, mit halluzinogenen Effekten. Häufig berichten Konsumierende über eine beruhigende und dämpfende Wirkung.
Typische Effekte sind:
- Schläfrigkeit und dämmerige Zustände
- Eine gestörte Raum- und Zeitwahrnehmung; Konsumierende haben das Gefühl als bleibe die Zeit stehen.
- Halluzinationen und eine veränderte Sinneswahrnehmung wie farbige Scheinbilder und eine erhöhte Empfindlichkeit für Geräusche und Laute.
- Euphorie und ein Gefühl der Schwerelosigkeit
Der Rausch mündet meist in einen tiefen Schlaf, der meist um die acht Stunden andauert.
Einflussfaktoren auf die Wirkung
Die Wirkung der Pilze kann erheblich schwanken und ist von verschiedenen Faktoren abhängig:
- Pilzart (Fliegenpilz oder Pantherpilz): Der Pantherpilz enthält wahrscheinlich höhere Konzentrationen des Muscimols, was auch die Wirkung beeinflusst. Fliegenpilzvergiftungen gehen häufiger mit Verwirrung und Unruhe einher, während der Pantherpilz einer Studie zufolge öfter zu komatösen Zuständen führt
- Fundort und Umweltbedingungen: Standort und Wachstumsbedingungen können den Gehalt an Wirkstoffen beeinflussen.
- Verzehrter Pilzteil: Der Hut enthält höhere Konzentrationen psychoaktiver Substanzen als der Stil.
- Reifegrad und Verarbeitung: Frische Pilze enthalten mehr Ibotensäure. Beim Trocknen wird ein Teil davon in Muscimol umgewandelt, wodurch sich die Wirkung verändern kann.
- Gesundheitszustand der Person
- Zubereitungsform: Die Wirkstoffe sind wasserlöslich. Unterschiedliche Zubereitungsmethoden können das psychoaktive Potenzial verändern.
- Dosis: Bereits ein einzelner Pilz kann psychoaktive Wirkungen wie Halluzinationen hervorrufen.
Risiken beim Konsum
Wie bei allen Halluzinogenen können Angst- und Panikgefühle entstehen, die tiefgreifend die Psyche beeinflussen. Es besteht die Gefahr, dass die Verarbeitung des Erlebten sowohl während der Wirkung als auch nach dem Rausch misslingt und zu psychischen Problemen führt.
Das Risiko ergibt sich auch aus ihren ambivalenten Wirkungspotenzial. Neben angenehmen Effekten wie die beruhigende, dämpfende Wirkung, können auch unangenehme oder bedrohliche Reaktionen auftreten. Auch Vergiftungen sind möglich.
Vergiftungserscheinungen
Vergiftungen durch den Fliegen- oder Pantherpilz betreffen hauptsächlich das Nervensystem, treten insgesamt aber relativ selten auf und verlaufen in vielen Fällen mild.
Bei etwa der Hälfte treten Magen-Darm-Symptome auf. Dazu gehören Übelkeit, Schwindel, Erbrechen und Durchfall. Besonders häufig werden sie nach dem Verzehr von Pantherpilzen beobachtet.
Typischer Verlauf der Vergiftung
Bei höheren Dosen können weitere Symptome auftreten. Die Vergiftung läuft dabei häufig in zwei Phasen:
1. Die Erregungsphase (tritt ca. 1 – 4 Stunden nach der Aufnahme ein und wird vor allem durch die Ibotensäure vermittelt.)
Typische Symptome sind:
- Wärmegefühl, Kribbeln, Gefühl von Leichtigkeit
- Bewegungsdrang (Bewegungen sind dabei oft unkoordiniert)
- Wahrnehmung der Gliedmaßen als schwebend
- Schwindel
- Muskelschwäche
- Halluzinationen
- Psychische Unruhe
2. Dämpfende Phase (mehrere Stunden; vor allem durch das Muscimol vermittelt). Auf die Erregungsphase folgt dann häufig eine Phase mit:
- Tiefem Schlaf und komatösen Zuständen
- Muskelverspannungen
- Niedrigem Blutdruck
- Koordinations- und Sprachproblemen
Schwere Vergiftungen
Schwere Vergiftungen sind zwar selten, aber möglich. Mögliche schwere Symptome sind gekennzeichnet durch:
- Zittern und Krämpfe
- Stark erweiterte Pupillen
- Fehlende Reflexe
- Atem- und Kreislauf-Probleme
Klinische Berichte über Vergiftungen beim Menschen sind relativ selten. Die vorhandenen Daten stammen hauptsächlich aus Fallberichten / Fallserien. Zwischen 2011 und 2018 wurden in den USA 312 Fälle von Vergiftungen durch das Fliegenpilz-Pantherpilz-Syndrom gemeldet. Davon verliefen etwa 5 Prozent schwer und ein Todesfall wurde registriert.
Schwere Fälle werden häufiger durch den Pantherpilz verursacht. Vermutlich hängt das damit zusammen, dass Vergiftungen durch den Pantherpilz unbeabsichtigt auftreten. Der Pilz kann leicht mit essbaren Arten verwechselt werden. Vergiftungen durch den Fliegenpilz erfolgen dagegen absichtlich im Rahmen des Freizeitkonsums. In solchen Fällen wird oft bewusst nur eine kleine Menge verzehrt, was zu weniger schweren Vergiftungen führen kann.
Genese nach Vergiftung
Die meisten Personen, die ein Fliegenpilz-Pantherpilz-Syndrom erlitten und überlebt haben, sind vollständig und ohne bleibende Schäden genesen. In vielen Fällen erfolgt die vollständige Erholung innerhalb von 24 Stunden.
In Tierversuchen konnten allerdings auch Nervenschäden im Gehirn durch Muscimol und Ibotensäure nachgewiesen werden.
Soforthilfe
Da die Giftigkeit der Pilze stark schwanken kann, ist von jeglichem Konsum abzuraten! Bei Verdacht auf Vergiftung wird empfohlen, sofort etwa 1 Gramm medizinische Kohle pro Kilogramm Körpergewicht einnehmen und ein Krankenhaus aufzusuchen. Auf keinen Fall sollten Betroffene noch selbst Autofahren.
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Stand der Information: April 2026