Die wahre Geschichte über Ecstasy (MDMA)

29.09.2006

Noch bis heute wird auf manchen Info-Seiten im Internet und in Broschüren über Ecstasy (MDMA) die Information verbreitet, dass die deutsche Pharmafirma Merck MDMA bereits 1912 als Appetitzügler patentiert, diesen aber wegen eigenartiger psychoaktiver Nebenwirkungen nicht vermarktet habe. Recherchen eines deutschen Forschungsteams haben die wahre Geschichte über MDMA aufgedeckt.

Auf der Suche nach dem wahren Ursprung von MDMA, haben sich Roland Freudenmann und Florian Öxler von der Universität Ulm tief in die internen Datenbanken der Firma Merck begeben. Nach über einem Jahr Recherche konnten sie mit Unterstützung einer Pharmakologin von Merck zahlreiche Dokumente identifizieren, aus denen sich die Geschichte rekonstruieren ließ.

Ein Patent, in dem MDMA erwähnt wird, lässt sich tatsächlich auf das Jahr 1912 datieren. Hinweise auf die Anwendung als Appetitzügler wurden jedoch nicht gefunden. Vielmehr stellte sich heraus, dass Merck auf der Suche nach einem alternativen Herstellungsweg für die blutstillende Substanz Hydrastinin war, um das hierfür bereits bestehende Patent zu umgehen. Vom damaligen „Kaiserlichen Patentamt“ wurden nicht Substanzen, sondern nur deren Herstellungsverfahren patentiert.

Den Recherchen zufolge war MDMA somit nicht die patentierte Endsubstanz, sondern lediglich ein Zwischenprodukt zur Herstellung von Hydrastinin. Die nächsten Hinweise auf MDMA finden sich erst wieder im Jahre 1927. Der Merck-Chemiker Dr. Max Oberlin hat damals pharmakologische Tests vorgenommen, jedoch ohne Versuche am Menschen. Auch er stellte die Forschung daran wieder ein, mit dem Vermerk, dass man die Substanz „im Auge behalten“ sollte.

Es folgen weitere Laboraufzeichnungen aus dem Jahre 1952, in denen Fliegen als Untersuchungsobjekte beschrieben wurde. Versuche am Menschen wurden in den Merck-Dokumenten erstmals 1960 erwähnt. Die ersten systematischen Versuche am Menschen können dem Chemiker Alexander Shulgin  zugeschrieben werden, der ab 1965 mit MDMA experimentierte. Er arbeitete zum damaligen Zeitpunkt beim US-amerikanischen Pharmakonzern Dow Chemical. Er hat vermutlich auch dazu beigetragen, dass sich MDMA später zur Straßendroge entwickelte und unter dem Namen „Ecstasy“ bekannt wurde.

Nach Meinung der Autorinnen und Autoren ist es wohl dem oftmals unter Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern anzutreffenden unkritischen Zitieren von Kollegen zu verdanken, dass sich der Mythos vom MDMA als Appetitzügler halten konnte. Dass es um 1912 noch gar keinen Markt für Appetitzügler gab „hätte einem cleveren Kopf unter uns sicher schon früher auffallen können“, urteilt der Schweizer Forscher Alex Gamma selbstkritisch, nachdem eine Kollegin von ihm bereits 1998 auf der Grundlage mündlicher Auskünften von Merck zu der oben beschrieben Erkenntnis gekommen ist.

Quellen:
Freudenmann R. W., Öxler F., Bernschneider-Reif (2006). The origin of MDMA (ecstasy) revisited: the true story reconstructed from the original documents. Addiction, 101: 1241-1245. Abstract verfügbar unter: http://www.blackwell-synergy.com/doi/abs/10.1111/j.1360-0443.2006.01511.x
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