Gestörte Verbindung

13.07.2012

Das Gehirn durchläuft nicht nur in der Kindheit, sondern auch in der Jugend eine wichtige Entwicklung. Die Forschung konnte aufzeigen, dass Cannabinoidrezeptoren eine bedeutsame Rolle bei der Hirnreifung spielen. Einer aktuellen Studie zufolge scheint Cannabiskonsum den Reifungsprozess stören zu können.

Stromkabel mit aufgeplatzer Isolieren im Gras

Bild: designritter / photocase.com

Sie kann zwar nicht unsere Gedanken lesen, aber tief in unser Gehirn schauen. Die Magnetresonanztomographie kann einzelne Nervenfaserbündel sichtbar machen und Hinweise auf mikroskopisch kleine Schädigungen liefern. Diese Technik haben sich die Forscherin Nadia Solowij und ihr Team zunutze gemacht und 59 Cannabiskonsumentinnen und -konsumenten gründlich durchleuchtet. Dabei ging das Team der Frage nach, ob das Einstiegsalter bei langjährig Cannabiskonsumierenden zu Veränderungen in der weißen Substanz des Gehirns führt. Denn bekannt ist, dass die weiße Substanz in der Reifungsphase noch eine hohe Dichte an Cannabinoidrezeptoren aufweist. In der weißen Substanz befinden sich die Nervenfasern, die wie Kabel Hirnareale miteinander verbinden.

Die meisten Personen der Cannabisgruppe hatten mit etwa 16 Jahren begonnen, regelmäßig zu kiffen. Zum Zeitpunkt der Untersuchung waren sie im Schnitt 33 Jahre alt. Zum Vergleich wurden 33 etwa gleichaltrige, aber drogenabstinente Versuchspersonen einbezogen. Zwar wurden Cannabiskonsumierende bereits in früheren Untersuchungen mit Hilfe der MRT-Technik untersucht, Solowij und ihr Team nahmen sich im Unterschied zu anderen Studien jedoch das gesamte Gehirn vor und nicht nur einzelne Hirnregionen. Zudem sei ihre Stichprobe für eine MRT-Studie vergleichsweise groß und es gäbe auch keine bedeutsamen Unterschiede beim Alkoholkonsum zwischen der Cannabis- und der Kontrollgruppe.

Strukturelle Veränderungen

Die Analyse der Hirnscans lieferte zunächst keine bedeutsamen Unterschiede was das Gehirnvolumen oder die Gesamtzahl an Nervenbündeln betrifft. Doch im Detail zeigten sich signifikante Differenzen zwischen den Untersuchungsgruppen. Nervenfasern im Bereich des Balkens (Corpus callosum), der beide Hirnhälften miteinander verbindet, und des Hippocampus wiesen strukturelle Veränderungen bei den Cannabiskonsumierenden auf.

Welche konkreten strukturellen Veränderungen tatsächlich vorliegen, konnte das Forschungsteam allerdings nicht herausfinden. Denkbar sei eine verminderte Myelinisierung, bei der die Myelinscheide - eine Art Isolationsschicht - defekt oder nicht ausreichend entwickelt ist. Ebenso könnten die Nervenfasern auch beschädigt oder verkürzt sein. Belegen konnten Solowij und ihre Team aber, dass die strukturellen Unterschiede zur Kontrollgruppe umso größer waren, je früher die Personen mit dem regelmäßigen Cannabiskonsum begonnen hatten.

Je später der Einstieg, desto geringer das Risiko

Nach Angaben des Forschungsteams sei dies die erste Studie, in der nachgewiesen werden konnte, dass das Einstiegsalter in den regelmäßigen Cannabiskonsum mit dem Ausmaß struktureller Schäden der weißen Substanz zusammenhängt. Eine gestörte Vernetzung des Gehirns könne mehrere Folgen haben, darunter kognitive Probleme, aber auch eine erhöhte Anfälligkeit für Psychose, Depressionen und Angststörungen. Die Gefahr sei jedoch umso geringer, je später junge Menschen in den Cannabiskonsum einsteigen würden.

Quelle:
Zalesky, A., Solowij, N., Yücel, M., Lubman, D., Takagi, M., Harding, I., Lorenzetti, V., Wang, R., Searle, K., Pantelis, C. & Seal, M. (2012). Effect of long-term cannabis use on axonal fibre connectivity. Brain, doi:10.1093/brain/aws136.

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