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Mit Cannabis am Steuer erwischt: Was bei der medizinisch-psychologischen Untersuchung (MPU) zu beachten ist

Oktober 2021

Am Anfang steht meist eine Polizeikontrolle. Wer dann nachweisbar Cannabis im Blut hat, muss in der Regel mit der Überprüfung der Fahreignung rechnen. Die Führerscheinstelle kann dazu eine medizinisch-psychologische Untersuchung, kurz MPU, einfordern. In einem Gespräch mit drugcom.de hat der Verkehrspsychologe Axel Uhle erklärt, worauf es ankommt, um eine MPU erfolgreich zu bestehen.

Bild: Sergey Mikheev / istockphoto.com

Bekifft hinterm Steuer zu sitzen, ist riskant – und kann teuer werden. Dani schätzt, dass sie die ganze Sache 5.000 Euro gekostet hat. Im drugcom-Video berichtet Dani, wie sie auf der Autobahn von der Polizei herausgewunken und von einem Beamten kontrolliert wurde. „Dem kam das gleich so vor, als wären meine Augen zu langsam“, erzählt sie. Ob sie einer Urinkontrolle zustimmen würde. „Logisch, kein Problem, war ja schon ein paar Stunden her, der findet bestimmt nichts“, war sich Dani sicher. Doch der Test lieferte ein anderes Bild: THC positiv.

Der Führerschein war dann erst mal weg. Um ihren Führerschein wieder zu bekommen, musste Dani eine medizinisch-psychologische Untersuchung absolvieren, abgekürzt MPU. „Also bei meiner ersten MPU im letzten Jahr habe ich noch Stein und Bein geschworen, ich hätte nicht viel gekifft.“ Das war Danis erster Versuch. „Ich habe halt einfach das Blaue vom Himmel runtergelogen und das einem Psychologen versucht klar zu machen - und wurde natürlich ertappt.“

Damit steht sie nicht alleine da. Laut einer Statistik der Bundesanstalt für Straßenwesen, BASt, rasseln etwa vier von zehn Prüflingen, die wegen Betäubungsmitteln auffällig geworden sind, durch die MPU. Doch das muss nicht sein. Die MPU ist keine Strafe, sondern sollte als „Chance“ verstanden werden, erklärt der Verkehrspsychologe Axel Uhle im drugcom-Interview. Axel Uhle von TÜV Süd Pluspunkt blickt auf eine über 30-jährige Erfahrung im Bereich der MPU zurück. Uhle war selbst lange in der Begutachtung tätig. Für das aktuelle Topthema hat er uns erläutert wie es zur MPU kommt, worauf es bei der MPU ankommt und wie man sie besteht.

Drogenfahrt: Straftat oder Ordnungswidrigkeit?

Ob eine Person unter dem Einfluss von Drogen steht, wird in der Regel durch eine Blutuntersuchung festgestellt. Ab einem Grenzwert von 1 Nanogramm THC pro Milliliter Blut wird angenommen, dass die Fahrtüchtigkeit beeinträchtigt ist. Die Drogenfahrt kann entweder als Ordnungswidrigkeit oder als Straftat geahndet werden. Eine Straftat begeht, wer „Schlangenlinien fährt, eine Gefährdung anderer ist oder insgesamt durch Ausfallerscheinungen negativ auffällig wird“, erklärt Uhle.

Ist die Person nicht weiter auffällig geworden, hat aber nachweislich Cannabis im Blut, liegt eine Ordnungswidrigkeit vor. War es das erste Mal, wird ein Bußgeld von 500 Euro fällig. Zudem bekommen Betroffene zwei Punkte im Flensburger Fahreignungsregister sowie einen Monat Fahrverbot. Im Wiederholungsfall wird es teurer und das Fahrverbot länger.

Meldung an die Fahrerlaubnisbehörde

„Das eigentlich Interessante und für viele Überraschende ist, dass es dann nicht zu Ende ist“, erläutert Uhle. Denn in jedem Falle, ob Ordnungswidrigkeit oder Straftat, erhält die Fahrerlaubnisbehörde eine Meldung der Polizei sowie den Befund der Blutuntersuchung. Die Fahrerlaubnisbehörde wird nun prüfen, ob eine MPU angefordert oder der Führerschein sofort eingezogen wird. Denn Cannabis hat im Gegensatz zu anderen Drogen eine Art Sonderstatus.

Der Konsum von illegalen Drogen führt in der Regel schon bei einmaligem Konsum zum sofortigen Entzug der Fahrerlaubnis. „Bei Cannabis ist das anders. Bei Cannabis hat die Rechtsprechung der letzten Jahre gesagt, dass bei einem einmaligen oder gelegentlichen Konsumenten nicht automatisch davon ausgegangen werden kann, dass die Person Konsum und Fahren nicht mehr trennen kann“, erklärt Uhle. „Eine MPU wird immer dann verlangt, wenn jemand ein Fahrzeug unter der Wirkung von THC geführt hat und mindestens gelegentlicher Konsument ist.“ Doch wie ist gelegentlicher Konsum definiert?

Unterscheidung zwischen einmaligem, gelegentlichem und regelmäßigem Konsum

Die Antwort dürfte manche überraschen: Es reicht, mehr als einmal im Leben Cannabis konsumiert zu haben. Wer an mindestens zwei Gelegenheiten gekifft hat und dies vor der Polizei zugibt, wird somit als gelegentlich konsumierende Person betrachtet. Die Folge ist: MPU. Zudem werden Blutwerte herangezogen. Liegt die Konzentration des Abbauprodukts THC-Carbonsäure THC-COOH laut Uhle über 100 Nanogramm pro Milliliter Blut, wird ebenfalls mindestens gelegentlicher Konsum angenommen und eine MPU eingefordert. Hierbei ist zu bedenken, dass der Nachweis von Cannabis mitunter Tage oder sogar Wochen nach dem letzten Joint noch möglich ist.

Ab einem Wert von 150 Nanogramm THC-Carbonsäure geht die Behörde nach Uhles Angaben übrigens von einem regelmäßigen Konsum aus. Und regelmäßig Konsumierenden wird in jedem Fall der Führerschein entzogen. Angenommen wird, dass Betroffene Konsum und Fahren nicht zuverlässig trennen können und daher ungeeignet sind, am Straßenverkehr teilzunehmen. Das Gleiche gilt für den Mischkonsum von Cannabis und Alkohol. Das bedeutet: Um den Führerschein wieder zu bekommen, muss in beiden Fällen eine MPU mit positivem Ergebnis vorgelegt werden.

MPU als Chance begreifen für persönliche Weiterentwicklung

Klar ist: Wer seinen Führerschein nicht braucht, muss auch keine MPU machen. „Die MPU ist keine Bestrafung“, betont Uhle. „Es geht nicht nur um den Schutz der Allgemeinheit, sondern auch um die Chance für den auffälligen Cannabisfahrer, sich zu rehabilitieren und wieder mobil zu werden oder zu bleiben.“ Uhle bemängelt, dass es viele Falschinformationen rund um das Thema MPU gäbe. „Das beginnt zum Beispiel bei der Fake News, dass alle durchfallen beim ersten Mal. Das ist natürlich nicht so. Über 60 Prozent der Betroffenen behalten oder bekommen ihren Führerschein wieder.“

Das deutsche System der Begutachtung sei nach Einschätzung Uhles ein Erfolgsmodell. „Sowohl die Rückfallzahlen nach einer positiven MPU als auch nach der Teilnahme an gesetzlich geregelten Kursen belegen eine sehr deutliche Senkung der Rückfallzahlen.“

Prüflinge können ganz entscheidend dazu beitragen, dass ihr Gutachten positiv ausfällt. Uhle dazu: „Das Zauberwort für eine positive MPU heißt: Veränderung. Es hängt sehr wesentlich davon ab, ob er [der Prüfling] erkannt hat, dass der Drogenkonsum jetzt auf den Prüfstand sollte und dass wichtige Veränderungen vorgenommen wurden, die sich bis zur MPU bereits bewährt haben und stabil sind. In der Begutachtung sollte deutlich werden, dass er nicht nur aus strategisch-taktischen Gründen auf Drogen verzichtet, sondern weil er wirklich einen persönlichen Nutzen und Vorteile daraus zieht, um sich ohne Drogenkonsum weiter zu entwickeln.“

Glaubhafte Abstinenzabsicht entscheidend

Eine wichtige Voraussetzung zum Bestehen einer MPU ist eine selbstkritische Auseinandersetzung mit dem eigenen Konsum. Die Begutachtung zielt darauf ab, Argumente zusammenzutragen, die für oder gegen die Wiedererteilung der Fahrerlaubnis sprechen. Die Argumente müssen für die Fahrerlaubnisbehörde nachvollziehbar sein.

In der Begutachtung wird unter anderem danach gefragt, wie sich der Drogenkonsum entwickelt hat, welche Motive zum Konsum geführt haben und ob es früher schon einmal Versuche gab, den Konsum aufzugeben. Die Schlüsselfrage der Begutachtung lautet nach Uhle: „Ist zu erwarten, dass in Zukunft nochmal ein Fahrzeug unter Drogeneinfluss geführt wird?“

Das bedeutet, für die Wiedererlangung der Fahrerlaubnis ist ein glaubhaft nachvollziehbarer Abstinenzentschluss wesentlich. Die Betonung liegt auf „glaubhaft“. Einfach nur zu behaupten, man würde nicht mehr kiffen, reicht nicht aus. Dani kann das bestätigen. Vielmehr werden der Gutachter oder die Gutachterin gezielt danach fragen, wie sich die Entscheidung zur Abstinenz entwickelt hat.

Grundsätzlich ist es zwar möglich, sich für die Zukunft vorzunehmen, nur gelegentlich zu kiffen, wenn die Absicht besteht, Kiffen und Fahren stets zu trennen. Uhle rät jedoch davon ab: „Im aktuellen Begutachtungskontext ist das eher ein seltener Vorgang, dass jemand den Gutachter überzeugt, in Zukunft Kiffen und Fahren zu trennen.“

Abstinenznachweise über mindestens sechs Monate

Zusätzlich zum Gespräch mit dem Gutachter oder der Gutachterin werden Abstinenznachweise eingefordert. Diese können einen unterschiedlich langen Zeitraum umspannen, je nachdem, wie ausgeprägt der Cannabiskonsum ist.

Bei einer Cannabisabhängigkeit oder einer fortgeschrittenen Drogenproblematik müssen in der Regel ein Jahr lang zu nicht vorhersehbaren Terminen sechs Urinkontrollen oder zwei Haaranalysen mit jeweils sechs Zentimeter langen Haaren erbracht werden. In weniger schweren Fällen von Cannabiskonsum beträgt die nachzuweisende Abstinenzphase mindestens sechs Monate.

Seriöse Vorbereitung wichtig

Für manche der Betroffenen könnte die MPU angesichts der geforderten Abstinenz eine Herausforderung sein. Vor allem regelmäßig Konsumierende sind gefordert, grundlegende Veränderungen in ihrem Alltag vorzunehmen. Für Axel Uhle ist klar, dass in einer gründlichen Vorbereitung auf die MPU der Schlüssel zum Erfolg liegt: „Ich sage immer: Die MPU ist ein Bilanzgespräch. Viel entscheidender ist, was vorher passiert ist.“

Uhle empfiehlt, sich möglichst zeitnah nach der Auffälligkeit im Straßenverkehr mit der Vorbereitung zu befassen und beraten zu lassen. Wichtig sei es, eine seriöse Hilfe zur Vorbereitung zu finden. Denn leider gäbe es auch unseriöse Angebote, die darauf abzielen, zu bestehen, ohne dass tatsächlich eine Verhaltensänderung stattfindet.

In diesem Zusammenhang empfiehlt Uhle die Informationsbroschüre „Informationen zur MPU“, herausgegeben von der Bundesanstalt für Straßenwesen, BASt. Darin werden einige Kriterien genannt, die dabei helfen zu erkennen, ob es sich um einen seriösen und kompetenten Anbieter handelt. So sollte die beratende Person über einen Diplom- oder Master-Abschluss in Psychologie verfügen, keine „100-Prozent-Chance“ für ein erfolgreiches Bestehen aussprechen oder gar das Auswendiglernen von angeblich überzeugenden Geschichten propagieren.

Eine seriöse Vorbereitung kann laut Uhle sowohl in Gruppen- oder Einzelgesprächen erfolgen. Wichtig sei, dass zu Beginn ein individueller Fahrplan erstellt wird, der die notwendigen Schritte umfasst, um sich optimal auf die MPU vorzubereiten. Insbesondere bei einer Abhängigkeit, aber auch bei einer fortgeschrittenen Drogenproblematik wird meist gefordert, therapeutische Hilfe in Anspruch zu nehmen, um das Ziel einer stabilen Abstinenz auch tatsächlich zu erreichen.

Fazit

Fahren und gelegentlich Kiffen, das geht, wenn beides stets voneinander getrennt stattfindet. Je häufiger gekifft wird, desto schwieriger dürfte jedoch das Trennen sein, zumal der Nachweis teils Tage oder sogar Wochen später noch möglich ist. Wer dann mit Cannabis im Blut im Straßenverkehr erwischt wird, muss damit rechnen, dass die Fahrerlaubnisbehörde den Führerschein einzieht. Um den Führerschein zurück zu bekommen oder zu behalten, verlangt die Behörde eine erfolgreich bestandene medizinisch-psychologische Untersuchung, kurz MPU.

Dann ist guter Rat gefragt. Denn die MPU erfordert je nach Umfang des Konsums eine grundlegende und glaubhafte Verhaltensänderung sowie einen mehrmonatigen Abstinenznachweis. Eine gewissenhafte Vorbereitung dürfte unerlässlich sein und den Grundstein dafür legen, dass die Begutachtung zu einem positiven Ergebnis kommt. In der Vorbereitung sollten Betroffene daher je nach Ausprägung des Konsums auch therapeutische Hilfe in Anspruch nehmen.

Quelle:

Bundesanstalt für Straßenwesen BAST Begutachtung Fahreignung 2020


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