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Seltenes Phänomen: Brechattacken durch Cannabiskonsum

Februar 2016

Übel vom Kiffen? Manche Cannabiskonsumierende entwickeln eine Art Unverträglichkeit gegen das Kiffen: Plötzlich überkommt sie starke Übelkeit und sie müssen sich mehrmals am Tag übergeben. Heißes Duschen oder Baden scheint ihnen kurzweilig Linderung zu verschaffen. Doch erst mit dem dauerhaften Ausstieg bleiben sie von weiteren Anfällen verschont.

Mann übergibt sich kopfüber in einer Kloschüssel

Bild: igor / Fotolia.com

Die Brechattacken kamen meist ohne Vorwarnung. Morgens war es besonders schlimm, vor allem wenn er was gegessen hatte. Ein 44-Jähriger US-Amerikaner, nennen wir ihn Dave, litt seit kaum vorstellbaren 16 Jahren unter immer wiederkehrenden Brechanfällen, die mehrere Stunden bis Tage anhalten konnten. Hinzu kamen starke Bauchschmerzen.

Über die Jahre hatten sich nicht nur die Symptome verschlimmert, auch die medizinischen Untersuchungen, denen er sich unterzog, wurden immer umfangreicher. Mehr als 20-mal war Dave bereits in der Notaufnahme. Es wurden Blut- und Urinanalysen vorgenommen, Röntgenaufnahmen und Ultraschalluntersuchungen gemacht sowie Magen- und Darmspiegelungen durchgeführt. Doch der Ursache seiner Brechattacken sind die Ärzte dadurch nicht auf die Spur gekommen.

Die Wende kam für Dave erst, als er aufgefordert wurde, seinen Cannabiskonsum einzustellen. Binnen einer Woche hatten sich die Symptome dramatisch verbessert. Daraus schließt das behandelnde Ärzteteam, dass Cannabis Auslöser der Brechanfälle war. Dave kiffte seit 20 Jahren üblicherweise zwischen 4 bis 8 Joints am Tag.

Vergleichsweise neues Phänomen

In der Fachliteratur gibt es eine ganze Reihe von Fällen, in denen Cannabis erst sehr spät als mögliche Ursache der Brechattacken in Betracht gezogen wurde. Denn das Phänomen ist noch vergleichsweise neu und scheint eine eher seltene Krankheit zu sein. 2004 hatte ein Forschungsteam erstmals darüber berichtet und das Syndrom als Cannabis-induzierte Hyperemesis bezeichnet, also als ein durch Cannabis hervorgerufenes Erbrechen. In dem Artikel wurden 19 Fälle beschrieben, in denen die gleichen Symptome auftraten und in denen keine andere Diagnose gestellt werden konnte.

In der Regel helfen keine Medikamente gegen das Erbrechen. Kurioserweise scheint die einzige wirksame Maßnahme heißes Duschen oder Baden zu sein. Sobald die Betroffenen dies herausfinden, entwickeln sie ein geradezu zwanghaftes Verhalten. So hat Dave manchmal bis zu 15-mal am Tag heiß geduscht. Wenn ihm das warme Wasser ausging, fuhr er zu seiner Mutter, seiner Schwester oder klingelte bei seinen Nachbarn - manchmal sogar mitten in der Nacht.

Zwanghaftes Duschen oder Baden als wichtiges Kriterium

Heißes Duschen oder Baden scheint bei allen bisher bekannten Fällen von Cannabis-induzierter Hyperemesis ein hervorstechendes Merkmal zu sein. Das zwanghafte Duschen oder Baden kann allerdings weitere negative Folgen nach sich ziehen. So hatte sich Dave einmal Verbrennungen zweiten Grades zugezogen, weil die Symptome umso mehr abnahmen, je heißer er geduscht hat. Auch sein Verhältnis zu den nächsten Angehörigen wurde durch sein Verhalten stark belastet. Generell hatte sich sein Zustand zunehmend verschlechtert. Er nahm stark ab und wurde schließlich arbeitslos.

Viele Betroffene haben wie Dave meist eine Odyssee durch das Gesundheitssystem hinter sich, bis ein Arzt oder eine Ärztin den Zusammenhang mit Cannabis entdeckt. Denn es gibt eine Reihe anderer möglicher Erkrankungen mit Brechattacken. Ein Forschungsteam um Douglas Simonetto hat daher Kriterien vorgeschlagen, die als Anhaltspunkte für die Diagnose einer Cannabis-induzierten Hyperemesis dienen sollen.

Das Forschungsteam hat seine Kriterien auf der Basis von 98 Einzelfällen gebildet. Alle Betroffenen konsumierten bereits seit mehreren Monaten oder Jahren als die ersten Symptome sich einstellten. Fast alle Konsumierenden fanden Erleichterung, wenn sie heiß geduscht oder gebadet hatten. Dieses Verhalten wurde bislang bei keiner anderen Erkrankung beobachtet, weshalb es ein entscheidendes Kriterium sei, das die Cannabis-induzierte Hyperemesis von anderen Erkrankungen mit Brechanfällen unterscheide.

In der Regel geht den Brechanfällen eine Phase voraus, in der den Konsumierenden zunächst nur übel ist oder sie Bauchschmerzen bekommen. Fatalerweise verstärken viele Betroffene dann ihren Konsum, in der fälschlichen Annahme, dass ihnen Cannabis helfen könnte. Denn THC, der Hauptwirkstoff von Cannabis, wird zuweilen auch in der Medizin gegen Übelkeit und Erbrechen eingesetzt. Doch bei manchen Personen scheint Cannabis eine paradoxe Wirkung zu haben und eben diese Symptome hervorzurufen.

Ursache unklar

Warum das so ist, darüber gibt es verschiedene Spekulationen, aber noch keine Belege. Eine mögliche Ursache ist Cannabidiol, abgekürzt CBD. Es ist ein natürliches Cannabinoid der Cannabispflanze. Aus Tierversuchen ist bekannt, dass CBD eine sogenannte biphasische Wirkung hat. Das bedeutet, bei niedrigen Dosierungen wirkt CBD anti-emetisch, kann also das Gefühl der Übelkeit dämpfen. Bei höheren Dosierungen kann CBD hingegen Übelkeit und Erbrechen verstärken. Cannabigerol, ein weiteres natürliches Cannabinoid, kann die anti-emetische Wirkung von CBD zudem aufheben.

Eine andere mögliche Erklärung bezieht sich auf die Wirkung von Cannabis auf bestimmte Hormone im Körper. Hormone haben einen wesentlichen Einfluss auf viele Körperfunktionen, darunter auch das Gefühl der Sättigung oder die Regulation der Körpertemperatur. Da auch Cannabinoidrezeptoren an der hormonellen Steuerung beteiligt sind, wird vermutet, dass langjähriger Cannabiskonsum dieses System aus dem Gleichgewicht bringen kann.

Nur Ausstieg hilft

Die Behandlung der Cannabinoid-induzierten Hyperemesis ist hingegen denkbar einfach: Cannabiskonsumierenden mit entsprechenden Symptomen wird empfohlen, das Kiffen einzustellen. Denn die bisherigen Berichte zeigen auf, dass in fast allen Fällen schon nach kurzer Zeit eine deutliche Verbesserung der Symptomatik zu beobachten ist, wenn der Konsum eingestellt wird.

Allerdings folgen nicht alle Patientinnen und Patienten dieser Empfehlung. Fallberichten zufolge lehnt ein Teil der Betroffenen die Vermutung, dass Cannabis die Ursache für ihre Beschwerden sein könnte, ab oder nehmen den Konsum nach kurzer Zeit wieder auf. Vermutlich haben viele der Konsumierenden eine Cannabisabhängigkeit entwickelt und können sich daher nur schwer vorstellen, auf das Kiffen zu verzichten.

Dave ist dem ärztlichen Rat gefolgt und vollständig genesen. Sowohl die Brechanfälle als auch das zwanghafte Duschen sind auch neun Jahre später nicht wieder aufgetreten. Sein soziales Leben hat sich ebenfalls erholt, berichtet das behandelnde Ärzteteam. Dave hat wieder einen Job gefunden und in der Zwischenzeit geheiratet. Seine Erfahrungen gibt er nun auf Präventionsveranstaltungen an andere weiter.

Fazit

Wer schon seit Langem kifft und unter plötzlich auftretenden starken Bauchschmerzen oder Brechattacken leidet, sollte Cannabis als eine mögliche Ursache in Erwägung ziehen - vor allem, wenn sich die Symptome unter einer heißen Dusche oder in der Badewanne bessern. Bislang ist noch unklar, warum Cannabis bei manchen Kiffern Übelkeit und Erbrechen verursacht. Als sicher gilt jedoch, dass der Ausstieg aus dem Cannabiskonsum wirksam vor den Symptomen der Cannabis-induzierten Hyperemesis schützt.

Quellen:


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