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Februar 2026
Nach dem Hoch kommt bekanntlich das Tief. Bei Kokain kommt es besonders schnell, denn die Wirkung ist von vergleichsweise kurzer Dauer. Oft wird „nachgelegt“. Konsumierende gehen damit erhebliche gesundheitliche Risiken ein, Abhängigkeit inklusive.

Bild: Ziviani / istockphoto.com
Das Gramm kann schon mal bis zu 100 Euro kosten. Wer eine Nacht auf Kokain feiert oder sich aus anderen Gründen mit Kokain aufputscht, wird entsprechend tief in die Tasche greifen müssen. Kokain umgibt wohl nicht zuletzt wegen seines Preises den Hauch der Exklusivität.
Doch so exklusiv scheint der Kreis der Konsumierenden nicht (mehr) zu sein. Analysen von Kokainrückständen im Abwasser deuten auf einen zunehmenden Konsum in Europa hin. Auch die Anzahl an Personen, die eine Suchtbehandlung wegen ihres Kokainkonsums aufsuchen, weist eine ansteigende Tendenz auf. Warum ist Kokain so attraktiv für Konsumierende und welche gesundheitlichen Risiken gehen sie ein?
Meist wird die kristalline Droge fein zerhackt als „Line“ durch die Nase geschnupft. Nase und Rachen fühlen sich anschließend taub an, weil Kokain auch als lokales Betäubungsmittel wirkt. Nach wenigen Minuten setzt die erwünschte psychische Wirkung ein. Müdigkeit ist wie weggeblasen, die Laune steigt. Kokain hat einen stimulierenden, also aufputschenden Effekt.
Die Wirkung von Kokain beruht im Wesentlichen auf der Aktivierung von Nervenzellen, an denen die Neurotransmitter Dopamin, Serotonin und Noradrenalin ihren Dienst verrichten. Neurotransmitter sind Botenstoffe, die zwischen den Nervenzellen wandern und elektrische Signale von einer Nervenzelle zur anderen weiterleiten. Nach getaner Arbeit werden Neurotransmitter von der ursprünglichen Nervenzelle wieder aufgenommen.
Und genau hier setzt die Wirkung von Kokain an. Die Droge verhindert die Wiederaufnahme der Neurotransmitter. Die Folge ist eine massive Stimulation des zentralen Nervensystems. Konsumierende erleben Euphorie und fühlen sich selbstbewusster. Soziale und sexuelle Hemmungen verlieren an Bedeutung. Alltägliche Probleme treten in den Hintergrund, etwaige Zweifel an der eigenen Person ebenso.
Die Kehrseite der Medaille: Kokain macht Lust auf mehr. Der Dopamin-Spiegel kann um 1.000 Prozent steigen und lässt unser Belohnungssystem im Gehirn auf Hochtouren arbeiten. Doch die Wirkung ist nur von kurzer Dauer. Nach etwa 30 Minuten ist der Spaß vorbei. Nach dem Hoch folgt ein Tief, das den starken Wunsch auslösen kann, den Rausch durch „Nachlegen“ – also erneutem Konsum – zu verlängern.
Durch die schnelle Abfolge von Euphorie und depressiven Gefühlen ist die Gefahr einer Abhängigkeitsentwicklung bei Kokain vergleichsweise hoch. Einschätzungen von Expertinnen und Experten zufolge steht Kokain auf einer Rangliste der am stärksten süchtig machenden Drogen auf Platz zwei, direkt hinter Heroin.
In einer Online-Befragung haben zwar die Hälfte der Befragten ihren Konsum als „kontrolliert“ bezeichnet, jede fünfte Person gab aber zu, exzessiv oder zwanghaft zu konsumieren. Bei dem Einen oder der Anderen ist der als kontrolliert empfundene Konsum vielleicht nur eine Vorstufe hin zur Abhängigkeit.
Besonders gefährdet für eine Abhängigkeit sind Personen, die nicht zufrieden sind mit sich oder die gerne stärker und selbstbewusster sein wollen. Generell besteht die Gefahr der Abhängigkeit vor allem dann, wenn die Droge bestimmte Funktionen erfüllt, also dazu benutzt wird, um beispielsweise eine schlechte Stimmung zu vermeiden oder andere subjektiv empfundene Defizite auszugleichen.
Ein funktionalisierter Konsum liegt auch dann vor, wenn Kokain für Alltägliches genutzt wird. Das kann bei der Arbeit sein, um mehr Leistung zu bringen oder um weniger Langeweile bei Alltagsroutinen zu empfinden. Auch der Kokainkonsum zur Reduktion des Gewichts oder um das Lustempfinden beim Sex zu steigern, birgt die Gefahr, sich an den Kick zu gewöhnen. Erfahrungen aus der Suchthilfe legen nahe, dass besonders die Kombination von Kokain und Glücksspiel riskant ist. Betroffene riskieren, sich im Rausch hoch zu verschulden.
Woran erkenne ich, dass ich süchtig bin nach Kokain? Eine Abhängigkeit wird vor allem dann sichtbar, wenn die Substanz abgesetzt wird und Entzugssymptome sich bemerkbar machen. Betroffene fühlen sich müde, lustlos und sind depressiv. Vor allem erleben sie ein starkes Verlangen nach der Droge, das als Craving bezeichnet wird.
In Tierexperimenten konnte nachgewiesen werden, dass sich das Gehirn nachhaltig an den Konsum anpasst. In einer Studie mit Rhesusaffen waren diese Hirnveränderungen noch einen Monat nach dem Absetzen der Droge nachweisbar. Ratten, die in einer Studie kokainabhängig gemacht und für 60 Tage auf Entzug gesetzt wurden, zeigten sofort wieder ein exzessives Konsumverhalten, wenn ihnen erneut Zugang zu Kokain gewährt wurde. Regelmäßiger Kokainkonsum scheint offenkundig eine Art „Suchtgedächtnis“ zu bilden. Dies erklärt, warum es Kokainabhängigen so schwerfällt, auf die Droge zu verzichten und sie häufig rückfällig werden.
Insbesondere das Craving, das starke Verlangen nach der Droge, stellt Ausstiegswillige vor eine Herausforderung. Anders als bei der Behandlung einer Opiatabhängigkeit gibt es bisher kein zugelassenes Medikament für den Entzug von Kokain. Kokainabhängige müssen lernen, mit dem Suchtdruck umzugehen. Sie müssen ihre Selbstkontrolle stärken, um dem Craving zu widerstehen und dauerhaft standhaft zu bleiben. Dabei kommen in der Regel psychotherapeutische Verfahren zum Einsatz.
Erste Anlaufstelle für Kokainabhängige sind Suchtberatungsstellen. Diese vermitteln auch in weiterführende Institutionen. Es kann zudem sinnvoll sein, sich einer Selbsthilfegruppe anzuschließen. Auf der Website der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen e. V. gibt es eine Liste mit Selbsthilfegruppen und ein Verzeichnis mit Beratungsstellen.
Meist vergehen jedoch einige Jahre zwischen dem Einstieg in den Konsum und dem Aufsuchen von Hilfe für den Ausstieg. Jahre, in denen Konsumierende hohe gesundheitliche Risiken eingehen. Denn Kokain bringt den Körper an seine Grenzen. Das Herz pumpt im Akkord, der Blutdruck steigt. Kokain führt dem Organismus keine Energie zu, sondern zwingt den Körper, seine Reserven auszubeuten.
Als Folge steigt das Herzinfarktrisiko. Einerseits lässt Kokain das Herz schneller schlagen. Entsprechend steigt der Sauerstoffbedarf des Herzmuskels. Andererseits verengen sich Blutgefäße durch Kokain, mit der Folge, dass der Herzmuskel schlechter mit Sauerstoff versorgt wird. Das kann Schmerzen in der Brust nach sich ziehen und Herzrhythmusstörungen verursachen, bis hin zum Herzstillstand. Doch selbst wenn noch keine akuten Beschwerden spürbar sind, können bereits Herzschäden vorliegen.
Einer Studie aus den USA zufolge gehen rund eine Viertel aller nicht tödlich verlaufenen Herzinfarkte im Alter zwischen 18 und 45 Jahren auf das Konto von Kokain. Zudem steigt das Risiko eines Schlaganfalls, bei dem es zu Blutungen im Gehirn kommt. Unmittelbar nach dem Konsum von Kokain ist das Schlaganfallrisiko um mehr als das 5-fache erhöht.
Häufig wird zusätzlich zum Konsum von Kokain noch Alkohol getrunken. Konsumierende zielen darauf ab, die Rauscherfahrung zu intensivieren. Der Mischkonsum von Kokain und Alkohol ist jedoch besonders riskant. Durch Abbauprozesse entsteht im Körper eine neue Substanz, die als Cocaethylen bezeichnet wird. Diese Substanz hat eine ähnliche Wirkung wie Kokain, wird aber langsamer vom Körper abgebaut. Die Giftigkeit von Cocaethylen wird noch höher eingeschätzt als die von Kokain. Das Risiko, an einer akuten Überdosis Kokain und Alkohol zu sterben, wird 18- bis 25-fach höher eingeschätzt, als wenn Kokain allein konsumiert wird.
Auch wer nur Kokain konsumiert, betreibt Mischkonsum. Denn bis das weiße Pulver beim Kleindealer den Besitzer wechselt, ist es in der Regel mehrfach verschnitten worden. Der Reinheitsgehalt von Straßenkokain kann extrem unterschiedlich ausfallen. In Analysen reicht der Reinheitsgehalt von etwa 17 bis 96 Prozent und lag im Mittel bei 66 bis 81 Prozent. Teils kommen vergleichsweise harmlose Verdünnungsmittel wie Zucker oder Stärke zum Einsatz. Allerdings werden oft auch pharmakologisch wirksame Streckmittel hinzugefügt, um die Wirkung der verdünnten Droge zu steigern oder um die Wirkung von Kokain nachzuahmen.
Ein häufig nachgewiesenes Streckmittel ist Levamisol. Levamisol wird eigentlich in der Tiermedizin gegen Parasiten eingesetzt. Wird Levamisol über einen längeren Zeitraum eingenommen, ist mit einer Reihe gesundheitlicher Schäden zu rechnen, von der Zerstörung von Immunzellen bis hin zu Hirnschäden.
Eine besonders schwere Nebenwirkung von Levamisol wird als Agranulozytose bezeichnet. Dabei handelt es sich um eine lebensgefährliche Bluterkrankung, bei der die Granulozyten zerstört werden. Granulozyten sind eine Unterart der Leukozyten und für das Immunsystem des Körpers wichtig. Werden sie zerstört, können sich in der Folge bakterielle oder virale Infektionen rapide ausbreiten und so zum Tod führen.
In den meisten Ländern Europas ist Kokain neben Opioiden eine bedeutende Ursache für Todesfälle als Folge von Drogenkonsum. Bei etwa einem Viertel aller Drogentoten hat Kokain die Haupt- oder Nebenrolle gespielt. 2024 sind in Deutschland 61 Menschen durch eine Überdosis Kokain gestorben. Bei 637 Todesfällen waren neben Kokain noch andere Drogen beteiligt.
Allerdings ist es nicht immer leicht, Kokain als Ursache zu ermitteln. Konsumierende sterben nicht nur an einer Überdosis, sondern auch an den körperlichen Folgen des dauerhaften Konsums. Herzinfarkte und Schlaganfälle gelten als die häufigste Ursache für kokainbedingte Todesfälle. Dabei ist nicht auszuschließen, dass viele der durch Kokain verursachten Todesfälle nicht als solche erkannt werden.
Kokain macht hellwach und hebt die Stimmung. Das Belohnungssystem im Gehirn läuft auf Hochtouren. Nicht zuletzt aufgrund der kurzen Wirkdauer, gilt Kokain als schnell süchtig machende Droge. Besonders gefährdet für eine Abhängigkeit sind Menschen, die unzufrieden sind mit sich selbst oder selbstbewusster sein wollen. Häufiger Konsum ist mit einem hohen Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall verbunden. Insbesondere der Mischkonsum mit Alkohol erhöht das Risiko für eine tödliche Überdosis.
Konsumierende, die ihr persönliches Gesundheitsrisiko ermitteln wollen, können dies mit dem Selbsttest Kokain Check tun.
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