Ketamin
Ketamin ist ein verschreibungspflichtiges Medikament zur Behandlung von Schmerzen und zur Einleitung einer Narkose. Es wird überwiegend in der Tiermedizin und unter bestimmten Bedingungen auch beim Menschen angewendet. Ketamin wird wegen seiner halluzinogenen Nebenwirkungen auch als Freizeitdroge konsumiert.
Geschichte von Ketamin
Ketamin ist in den 1960ern als Schmerzmittel und als Betäubungsmittel in der Medizin eingeführt worden. Ein Pharmakonzern war auf der Suche nach einem Narkosemittel, das Herzfrequenz und Atmung nicht beeinträchtigt.
Eine Substanz, die zuvor diesen Zweck erfüllen sollte, war Phencyclidin (PCP). PCP musste allerdings aufgrund massiver halluzinogener Nebenwirkungen vom Markt genommen werden. Das neu entwickelte Ketamin ist strukturell verwandt mit PCP und hat ähnliche, aber im Vergleich zu PCP abgeschwächte Nebenwirkungen.
Gerade wegen seiner halluzinogenen Nebenwirkungen wird Ketamin auch als Rauschdroge missbraucht. Erste Berichte über einen Missbrauch von Ketamin stammen aus den 1970er Jahren. Insbesondere in den 1990er Jahren hat sich Ketamin als Partydroge in der Techno-Szene etabliert. Auf dem illegalen Markt wird es unter anderem als „Special K“, „Vitamin K“, „Kate“ oder „K“ gehandelt.
Medizinische Anwendung von Ketamin
Ketamin wird heute noch als Schmerz- und Betäubungsmittel für Menschen und Tiere eingesetzt. Die medizinische Anwendung erfolgt meist durch Injektion einer Ketaminlösung. Medizinisch wirksame Dosierungen führen zu einer etwa 10-minütigen Bewusstlosigkeit und etwa 20- bis 30-minütigen Schmerzlosigkeit. Danach folgt ein mehrstündiger Dämmerzustand mit Halluzinationen und so genannten dissoziativen Störungen. Bei dissoziativen Störungen ist die Wahrnehmung der Umwelt oder der eigenen Person gestört. Das kann so weit gehen, dass sich Betroffene losgelöst von sich selbst fühlen, was auch als „Out-of-Body-Experience“ bezeichnet wird.
Zur Einleitung einer Narkose wird Ketamin häufig mit Benzodiazepinen kombiniert, um Gefahrensituationen durch ansteigenden Blutdruck zu verhindern und die halluzinogenen Effekte zu mildern. Schutzreflexe wie Husten und Schlucken bleiben während der Narkose in medizinischen Dosen bestehen.
Ketamin gilt wegen seiner schmerzlindernden und betäubenden Wirkung als wichtiges Medikament in der Notfallmedizin und in Krisensituationen, beispielsweise in den Bergen, in Kriegsgebieten, bei Naturkatastrophen oder wenn das notwendige Equipment für eine anderweitige Narkose nicht zur Verfügung steht. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) führt Ketamin deshalb auf der Liste der unentbehrlichen Arzneimittel.
Seit 2019 kann die Variante Esketamin unter bestimmten Voraussetzungen zudem gegen besonders starke Depressionen eingesetzt werden, die sich nicht durch andere Antidepressiva behandeln lassen.
Konsumformen und Wirkdauer von Ketamin
Beim Konsum als Rauschdroge wird Ketamin meist als weißes, kristallines Pulver gesnieft, also durch die Nasenschleimhaut aufgenommen. Seltener erfolgt die Injektion der Lösung oder die orale Einnahme. Wird Ketamin geschluckt, wird es schnell zu Norketamin umgewandelt, wodurch die Wirkung weniger halluzinogen ist.
Wie schnell Ketamin als Rauschdroge wirkt, hängt von der Konsumform ab. Bei der häufigsten Konsumform, dem Sniefen, setzt die Wirkung nach 5 bis 15 Minuten ein und dauert etwa bis zu einer Stunde an. Es folgt eine ein- bis dreistündige Nachphase. Zwar ist der eigentliche Rausch dann bereits abgeklungen, aber anhaltende Beeinträchtigungen wie allgemeine Schwäche, Benommenheit oder Übelkeit können bestehen bleiben. Wenn Ketamin gespritzt wird, setzt die Wirkung schon nach wenigen Sekunden ein. Wird Ketamin geschluckt dauern die einzelnen Phasen länger.
Wirkung und akute Risiken von Ketamin
Je nach Dosis und Konsumform kann die Wirkung unterschiedlich ausgeprägt sein. Bei niedrigen Dosierungen stellt sich ein leichter Rausch ein, begleitet von einem Kälte- oder Wärmegefühl sowie Ohrenklingeln und Kribbeln.
Höhere Dosierungen haben Halluzinationen und dissoziative Effekte zur Folge, bis hin zu so genannten Nahtoderlebnissen wie der Out-of-Body-Experience: Konsumierende werden in Zustände versetzt, die dem Sterben ähnlich sein sollen. Es entsteht das Gefühl, den eigenen Körper zu verlassen oder mit der Umwelt zusammenzufließen, was als Ich-Auflösung oder Ich-Entgrenzung bezeichnet wird. Konsumierende kommen an einen Punkt, an dem sie sich völlig losgelöst fühlen von der Realität. Für diesen Zustand wurde der Begriff „K-Hole“ geprägt.
Die starken Bewusstseinsveränderungen ähneln den Symptomen einer schizophrenen Psychose. Für manche Konsumierende liegt der Reiz der Droge vermutlich gerade in den halluzinogenen Effekten und dem Abtauchen in die „K-Hole“. Diese extremen Zustände können allerdings auch Angst und Panikattacken auslösen, weil die Betroffenen das Gefühl haben zu sterben.
Wenn Konsumierende angespannt, ängstlich oder panisch werden, kann es helfen, die Person an einen ruhigen Ort zu bringen, enge Kleidung zu öffnen, selbst nicht in Panik zu verfallen und beruhigend auf sie einzureden. Im Notfall sollte der Notruf 112 angerufen werden. Das Rettungspersonal unterliegt der Schweigepflicht.
Erinnerungslücken und Blackouts können ebenfalls auftreten, weshalb Ketamin ebenso wie GHB auch unter dem Stichwort „K.O-Tropfen“ bekannt geworden ist.
Akute körperliche Wirkungen und Risiken von Ketamin
Risiko durch Mischkonsum
In der medizinischen Anwendung gilt Ketamin als vergleichsweise sicher. Dennoch gibt es Berichte von Todesfällen in Zusammenhang mit dem Freizeitkonsum von Ketamin. In den meisten dokumentierten Fällen spielte allerdings Mischkonsum mit anderen Drogen eine Rolle.
So erhöht die Kombination von Ketamin mit Stimulanzien wie Kokain oder Amphetamin das Risiko für Herzrasen und gefährlich hohen Blutdruck. In Kombination mit sedierenden Substanzen wie Alkohol, Opioiden und GHB kann es zu einem Koma oder akuten Atemstillstand kommen. In dem Fall muss ein Notarzt gerufen, die Atemwege freigehalten und bei Herzstillstand Herz-Lungen-Wiederbelebung angewendet werden.
Hohes Unfallrisiko durch Bewusstseinsstörungen
Die akuten körperlichen Risiken von Ketamin sind vor allem geprägt durch ein erhöhtes Unfallrisiko, infolge der Bewusstseinsstörungen. Zum einen sind Konsumierende stark in ihrer Wahrnehmung und Bewegungsfähigkeit eingeschränkt. Betroffenen kann schwindelig werden, ihr Gang wird unsicher, ihre Sturzgefahr ist erhöht.
Zum anderen mindert Ketamin das Schmerzempfinden, was in Kombination mit der erhöhten Sturzgefahr fatal enden kann. Beispielsweise hat sich in einem dokumentierten Fall eine Person Verbrennungen dritten Grades zugezogen, weil sie das Bewusstsein verlor und mit dem Gesicht auf einen elektrischen Grill zu Fall gekommen ist. In anderen Fällen kam es zu Todesfällen durch Ertrinken oder Unterkühlung.
Bei Bewusstlosigkeit droht in jedem Falle auch der Tod durch Ersticken an Speichel oder Erbrochenem.
Langzeitfolgen von Ketamin
Der häufige Konsum von Ketamin zu Freizeitzwecken geht mit einer Reihe an Risiken einher:
Bauchschmerzen
In der Literatur sind Fälle von starken Bauchschmerzen dokumentiert, begleitet von Übelkeit und Erbrechen. Dafür wurde der Begriff „K-Cramps“ geprägt.
Schäden an der Harnblase
Der chronische Konsum von Ketamin verursacht teils irreparable Schäden am Harntrakt. Dazu gehören in erster Linie Erkrankungen der Blase und der Nieren. Angenommen wird, dass Ketamin die oberste Zellschicht im Inneren der Blase zum Absterben bringt. Die Folgen sind Schmerzen beim Wasserlassen bis hin zur Inkontinenz, bei der sich Betroffene unkontrolliert einnässen. In den meisten Fällen lassen die Beschwerden nach, wenn der Konsum eingestellt wird. In einzelnen Fällen können die Schäden unumkehrbar sein. Im schlimmsten Falle kann es nötig werden, die Harnblase operativ zu entfernen.
Hirnschäden und verminderte Gedächtnisleistung
Es gibt Anzeichen dafür, dass regelmäßiger Ketaminkonsum strukturelle Veränderungen des Gehirns zu Folge hat. Betroffen sind sowohl die graue Substanz, die überwiegend Nervenzellen umfasst, als auch die weiße Substanz, den Verbindungen zwischen den Nervenzellen.
Die strukturellen Hirnveränderungen könnten auch die unter Langzeitkonsumierenden beobachteten Gedächtnisprobleme erklären. Sowohl das Langzeit- als auch das Kurzzeitgedächtnis ist bei ihnen eingeschränkt.
Risiken für die mentale Gesundheit
Bei häufigem und anhaltendem Konsum wurden milde Formen psychotischer Störungen beobachtet. Unklar ist noch, ob die Symptome durch den Ketaminkonsum verursacht werden. Eine andere Erklärung könnte sein, dass Personen mit bestehenden mentalen Problemen Ketamin zur Selbstmedikation einsetzen.
Abhängigkeitsrisiko
Ketamin wird ein Abhängigkeitspotenzial zugeschrieben, wenn es als Rauschmittel eingesetzt wird. Da es bei dem Konsum von Ketamin schnell zu einer Toleranzentwicklung kommt, ist bei wiederholtem Konsum eine Dosiserhöhung notwendig, damit der gewünschte Effekt einsetzt. Manche regelmäßig Konsumierende berichten davon, abhängig zu sein und nach einem Konsumstopp Entzugserscheinungen zu verspüren.
Rechtliche Einordnung von Ketamin
In Deutschland ist Ketamin ein verschreibungspflichtiges Medikament. Somit gelten nicht die strengen Maßgaben des Betäubungsmittelgesetzes (BtMG). Allerdings unterliegt Ketamin den Bestimmungen des Arzneimittelgesetzes (AMG). Verstöße wie dem illegalen Handel können mit einer Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren oder einer Geldstrafe geahndet werden.
Quellen:
- Arzneimittelgesetz (AMG), § 95.
- Baker, S. C., Shabir, S., Georgopoulos, N. T. & Southgate, J. (2016). Ketamine-Induced Apoptosis in Normal Human Urothelial Cells: A Direct, N-Methyl-d-Aspartate Receptor-Independent Pathway Characterized by Mitochondrial Stress. The American Journal of Pathology, 186(5), 1267-1277, https://doi.org/10.1016/j.ajpath.2015.12.014.
- Beerten, S. G., Matheï, C. & Aertgeerts, B. (2023). Ketamine misuse: an update for primary care. British Journal of Clinical Practice, 73, 87-89, https://doi.org/10.3399/bjgp23X731997.
- Chaves, T. V., Wilffert, B., & Sanchez, Z. M. (2023). Overdoses and deaths related to the use of ketamine and its analogues: A systematic review. American journal of drug and alcohol abuse, 49(2), 141–150, https://doi.org/10.1080/00952990.2022.2132506.
- Gemeinsamer Bundesausschuss (21. September 2023). Esketamin bei schwerer therapieresistenter Depression: G-BA sieht Anhaltspunkt für beträchtlichen Zusatznutzen. Abgerufen am 28.10.2025 von https://www.g-ba.de/service/fachnews/84/.
- Gesundheitsinformation.de>Esketamin
- Kidger, E., Stahlschmidt, J., Garthwaite, M., Fulford, S., Southgate, J. & Baker, S. C. (2016). A Rare Urachal Cyst in a Case of Ketamine-induced Cystitis Provides Mechanistic Insights. Urology, 90, 223.e1-223.e7, https://doi.org/10.1016/j.urology.2015.12.015
- Li, J., Vicknasingam, B., Cheung, Y., Zhou, W., Nurhidayat, A. W., Des Jarlais, D. C., & Schottenfeld, R. (2011) To use or not to use: an update on licit and illicit ketamine use, Substance Abuse and Rehabilitation, 11-20, https://doi.org/10.2147/SAR.S15458.
- Lodge, D. & Mercier, M. S. (2015). Ketamine and phencyclidine: the good, the bad and the unexpected. British Journal of Pharmacology, 172, 4254-4276, https://doi.org/10.1111/bph.13222.
- Morgan, C. J. & Curran, H. V. (2012). Ketamine use: a review. Addiction, 107 (1), 27-38, http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/21777321.
- MSD Manual Überblick über dissoziative Störungen
- Palamar, J. J., Fitzgerald, N. D., Grundy, D. J., Black, J. C., Jewell, J. S. & Cottler, L. B. (2023). Characteristics of poisonings involving ketamine in the United States, 2019–2021. Journal of Psychopharmacology, 37(8), 802-808, https://doi.org/10.1177/02698811221140006.
- Ralphs, R. Linnell, M. & Sutcliffe, O. B. (2024). Trend Focus: Ketamine. In Greater Manchester: Testing and Research on Emergent and New Drugs (GM TRENDS). Project Report. Manchester Metropolitan University, https://gmtrends.mmu.ac.uk/wp-content/uploads/sites/425/2024/10/GM-TRENDS-2023-24-ketamine.pdf.
- Scherbaum, N. (2024). Ketamin. In Das Drogentaschenbuch, 7. Aufl., 100-106. Thieme. ISBN 978-3-13-245673-0.
- Strous, J. F. M., Weeland, C. J., van der Draai, F. A., Daams, J. G., Denys, D., Lok, A., Schoevers, R. A. & Figee, M. (2022). Brain Changes Associated With Long-Term Ketamine Abuse, A Systematic Review. Front Neuroanat, 16, 795231, https://doi.org/10.3389/fnana.2022.795231.
- Wolff, K. & Winstock, A. R. (2006). Ketamine. CNS Drugs, 20(3), 199-218, https://doi.org/10.2165/00023210-200620030-00003.
- World Health Organization (WHO). (2023). World Health Organization Model List of Essential Medicines. The selection and use of essential medicines 2023, https://www.who.int/publications/i/item/WHO-MHP-HPS-EML-2023.02
Stand der Information: Dezember 2025